The Sound of Independence (2): M. Walking On The Water aus Krefeld

M. Walking On The Water, 1985 gegründet von Markus Maria Jansen und Mike Pelzer in Krefeld, sammelte erste Erfahrungen mit Strassenmusik und im Rahmen von Kleinkunst-Theatern. Auf den ersten beiden Platten spielt die Band eine bizarre Mischung aus düsterem Folk, Psycho und wildem Punk. Am Anfang sagten noch einige Kritiker, die Ms’ seien die „deutschen Pogues“, aber dafür hatte das Projekt viel zu viel Stil und eine gehörige Portion an künstlerischen Eigensinn. Auf vielen Band-Bildern werden die Köpfe durch Balken ersetzt, eine schräge Bildsprache, die für den Eigensinn, aber auch das kreative Potenzial der Band steht.

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The Sound of Independence (1): Die Shiny Gnomes aus Nürnberg

Huuh, Nürnberg, das war Ende der 80er die heimliche Hauptstadt des Indie-Rocks! Und an diesem Mythos waren die Shiny Gnomes nicht ganz unschuldig: Gegründet 1985, waren sie die ersten, überregional bekannten Indie-Rocker aus dem fränkischen Kultur-Oberzentrum. „Cowboys of Peace“ war der erste Song, die mir nicht aus dem Kopf ging und das Gute war: Man konnte das selbst auf der Gitarre nachspielen. Im Grunde ist das ein leicht sentimentaler Country-Song, kompositorisch klar strukturiert, der Text eine Hommage an die Freunde des gepflegten Cowboy-Films, die mehr an John Wayne als an Punkrock erinnert. Dazu passend das Country-mäßige Violinen-Solo, wie es sich eben gehört. Aber der Sound dieses und anderer Songs der frühen Jahre war kernig und absolut stilsicher und deshalb ist „Cowboys of Peace“ ein Klassiker.

Und hier kommen wir schon zu einer Besonderheit der Shiny Gnomes: Sänger und Leadgitarrist Limo hat beim Songwriting eine geradezu traumwandlerische Sicherheit, die Songs haben jederzeit das ganz besondere Etwas. Bis heute ist „Lazing in Desert Inn“ einer meiner absoluten Lieblingssongs, das ist einfach Weltklasse!

(Wobei die Bebilderung, naja, etwas weniger Clint Eastwood hätte auch gereicht…)

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Der deutsche „Sound of Independence“: Das Klassentreffen 1986

Im folgenden Blogbeiträgen gehe ich der Frage nach, welche Bands für mich die deutschen Indie-Szene der späten 80er und frühen 90er Jahre geprägt haben und was aus diesen Bands heute geworden ist. Und das ist überraschend: Viele Bands sind weiterhin sehr aktiv und machen durch neue CDs und Konzerttourneen auf sich aufmerksam. Im Grunde ist es Zeit für ein Klassentreffen der Generation 1986!

In den späten 80er Jahren gab es in Marburg an der Lahn einen kleinen Club, das „Kultur und Freizeitzentrum (KFZ)“: Ein kleiner Schuppen mit bunten Graffiti. Dort wurden regelmäßig deutsche Rockbands zu Konzerten eingeladen. Das ganze lief unter dem Titel „The Sound of Independence“ – schon allein der Titel klang nach Freiheit und der großen weiten Welt. Der Titel sollte die Gemeinsamkeit der Bands herausstellen – sofern es eine Gemeinsamkeit gab – nämlich deren Unabhängigkeit von den großen (und deshalb selbstverständlich bösen!) Plattenlabeln. In den 80er Jahren wurde der Kapitalismus noch überwunden und entsprechend musste die Kultur stets kapitalismuskritisch sein. Punk war schon einige Jahre her. In Marburg liefen noch einige Punks der ersten Stunde rum, aber ich habe davon nichts mitbekommen. Die Neue Deutsche Welle war 1982 hochgeschwappt und der Trend wurde von den großen Plattenlabeln erkannt und übernommen. Meine ersten Hörerfahrungen waren Nena, Trio, Falco und die Spider Murphy Gang in der Kinderdisco am Gardasee. Peter Schilling gewann mit Major Tom die ZDF-Hitparade, auch da war ich auf dem Sofa dabei!

Aber die NDW war auch bald vorbei und Mitte der 80er Jahre durchliefen die frühen Helden der Deutschrock-Szene wie Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg ihre erste Schaffenskrise. Im Radio spielten sie damals Klaus Lage (Faust auf Faust!), den ewigen Herbert Grönemeyer und im HR3 liefen gerne auch die Rodgau Monotones. Ansonsten Pet Shop Boys, Depeche Mode und sonst viel Pop-Langeweile aus den USA und England. Die Krönung des Subversiven war, dass sich der Moderator der „HR3 Internationalen Hitparade“ (jeden Donnerstag von 18 bis 20 Uhr) über Peter Maffay lustig machte. Dort wurde dann auch, ganz solide, Sting, die Talking Heads und U2 gelobt und die erreichten in der Hörergunst wahre Höhenflüge. Aber soundmäßig gab es auch viel flaches Land in den 80ern. Das wurde irgendwann anders.

Die Bands, die im KFZ auftraten, waren meist recht Gitarren-lastig, teilweise dilettantisch und überwiegend sehr laut. Geboten wurde irgendwas zwischen Post-Punk, New Wave, Blues-Rock, dem Beat der 60er Jahre und Folkrock. Und irgendwie musste es immer etwas mit Velvet Underground zu tun haben – in meinen Augen die am meisten überschätzten Band der Musikgeschichte, aber gut, das kann man auch anders sehen. Der Konzertsaal war schwarz, verraucht, die Konzerte waren düster, schrammelig, laut, aber irgendwie auch genial. Vieles, was ich dort gesehen habe, wurde ein paar Jahre später Mainstream. Einige der Bands gingen zu den großen Plattenlabels und feierten Erfolge.

Programm des KfZ Marburg im Dezember 1988: Auf Umweltpapier und grafisch ansprechend
Programm des KfZ Marburg im Dezember 1988: Auf Umweltpapier und grafisch ansprechend

1989 kamen Acid House-Parties auf, die Electronic Music, die Wiedervereinigung und der Manchester-Pop. Und dann tauchten neue (alte) Bands auf, die plötzlich auf Deutsch sangen: Element of Crime brachte 1991 die Platte „Damals hinterm Mond“ raus, was textlich und musikalisch sehr vieles änderte. Die ehemaligen Underdogs sagen laut „Ich liebe Dich!“, das war ungewöhnlich. Deutsche Texte waren plötzlich „in“, die Fantastischen Vier texteten Hiphop auch auf Deutsch. Dann kam irgendwann die Hamburger Schule, davon habe ich in Marburg noch „We Smile!“ gesehen, später gab es Tocotronic und die Sterne mit „Was hat Dich bloß so ruiniert“. Und Mitte der 90er Jahre war die Love-Parade in Berlin der Standard, bedröhnte Techno-Kids bestimmten das Bild, selbst in der Bildzeitung.

Und Musik hatte nichts mehr mit Kapitalismus-Kritik zu tun, was sich irgendwie auch gut anfühlte. Manches politische Gerede in den 1980er Jahren war schon gnadenlos überspannt. Sven Regner philosophiert vermutlich aus diesem Grund bis heute in Interviews gerne über das Verhältnis von Kunst und Politik, die er gerne getrennt sehen möchte. Und das ist nicht untypisch für die Geburtenjahrgänge nach 1970, die Florian Ilies als „Generation Golf“ als völlig unpolitisch abstempelt. Aber so völlig unpolitisch sind viele Leute dieser Generation nicht, nur eben unideologisch. Und der Sound der späten 1980er ist eine Kunstform, nicht mehr. Die überspannte politische Erwartung daran teilen vermutlich selbst manche der Künstler nicht.

Mich haben Mitte der 1990er Jahre musikalisch ganz andere Dinge interessiert, Klassik, Folk und Weltmusik. Eine Weile habe ich gar keine Musik aus der Konserve gehört. Und als ich auf den Indie-Rock Ende der 90er zurück kam, war die gute alte bunte Indie-Szene irgendwie verschwunden. Der Stil hieß jetzt „Alternative“. In Frankreich gab es „Noir Desir“, die kannte ich noch. Doch dann stürzte Bertrand Cantat 2003 ab. In Deutschland drehte Sven Regner mit Element of Crime immer neue Kreise um sich selbst und wurde dann mit „Herr Lehmann“ zum Romancier. Es gab neue Indies wie „Wir sind Helden“ und Judith Holofernes bleibt bis heute meine Heldin. Auch Gisbert zu Knyphausen, Peter Licht, Thees Uhlmann und viele andere schließen an den Indie-Rock der 80er Jahre an, aber das ist ein anderes Thema.

Was ist also aus den Bands des „Sound of Independence“ geworden. Ich werde in nächster Zeit eine Folge von kurzen Texten über die Bands schreiben, die mich als Jugendlicher beeinflusst habe, und die gute Nachricht ist: Manche von Ihnen sind inzwischen wieder da. Und wie!

Die AOV Göttingen begeistert bei ihrem Sommerkonzert

Ein Fixpunkt im kulturellen Leben in Göttingen ist das Semesterkonzert der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen (AOV), so auch die zwei Konzerte am 24./25. Juni 2017 in der Aula am Wilhelmsplatz. Die Besprechungen im Göttinger Tageblatt berichten regelmäßig von dem hohen Niveau und der Spielfreude dieses Laien-Orchesters. Und doch gibt es etwas, was ich bei diesem sehr emotionalen Konzert für besonders halte: Der junge Dirigent der AOV, Niklas Hoffmann, der sein Dirigat in Göttingen als Student der Kunsthochschule Weimar begann, verlässt die AOV nach zwei Jahren und beendet eine kurze, aber sehr intensive Zusammenarbeit, die die AOV weiterentwickelt, und auf ein höheres Niveau gebracht hat.

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Schlussapplaus für Niklas Hoffmann und die Akademische Orchestervereinigung Göttingen

Der Auftakt: Gespielt wurde Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zur Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Das recht kurze Stück wurde mit Schwung und Präzision vorgetragen und ist überaus geeignet als heitere Einleitung für einen solchen Konzertabend. Niklas Hoffmann und die AOV arbeiten das Leichte und Tänzerische in Mozarts Ouvertüre heraus, ohne dabei die klangliche Tiefe zu vernachlässigen. Dieses Sommerkonzert beginnt mit einem Lächeln.

Das Solokonzert: Was jetzt kommt, hat mich gleich zweimal beeindruckt: Das Klavierkonzert Nr. 5 gilt wohl als eines der populärsten Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven, weshalb es nicht überrascht, dass die AOV hier mit ihrer 10-Jahres-Regel gebrochen hat, denn das Klavierkonzert stand bereits im Juli 2010 auf dem Programm, damals mit Julia Bartha als Solistin. Dass die AOV ein Händchen in der Verpflichtung von hochkarätigen Solisten hat, zeigt die Wahl von Franziska Glemser, die ihre Ausbildung in Würzburg erhielt und gerade ein Konzertstudium an der Musikhochschule Weimar absolviert. Die Solopassagen sind sehr präzise, die Läufe brillant und strahlend, und selbst an den Tuttistellen ist die Solistin gut zu hören. Das heißt, dass Glemser technisch einiges zeigt. Doch zu den technischen Fähigkeiten kam im Konzert das beinahe kammermusikalische Zusammenspiel von Glemser und der AOV, die die Solopartien von Glemser einfühlsam begleitete und untermalte. Beethovens Konzert wird im Programmheft nicht ohne Grund als ein Stück beschrieben, in dem einige Anspielungen an das Militärische enthalten sind – vielleicht ein Klischee, denn welche Militärkapelle spielt Beethoven? Die so umschriebenen, kraftvollen Tuttistellen wechseln sich ab mit lyrischen Passagen und hier zeigt Glemser, dass sie ein tiefes Verständnis für das Stück entwickelt hat. Ich habe mir zum Vergleich eine Aufnahme mit einem der Großmeister, nämlich mit Alfred Brendel angehört und Glemser steht dem Meister in nichts nach: Sie gestaltet diese Zwischenpassagen leise und subtil, hier ist jede Note bewusst gesetzt. Sie gibt dem Stück damit eher den Charakter eines früh-romantischen Stücks und nimmt dem Stück auch das Brachiale.

Die Sinfonie: Zum Schluss spielte die AOV die Sinfonie Nr. 2 von Jean Sibelius, ein Stück, dass es rhythmisch in sich hat, zumal für ein Laien-Orchester. Hier gab es zumindest im Samstags-Konzert kleine Wackler, die allerdings unter dem Radar der meisten Zuhörer liefen. Häufig gelingt die Sinfonie im Sonntagskonzert besser, was besonders dieses Semester der Fall war: Am Sonntag fand die AOV den Rhythmus deutlich besser und entwickelte jetzt die bekannten Stärken im Ausdruck. Die Sinfonie Nr.2 von Sibelius zeichnet sich durch gesangliche Passagen und folkloristische Anspielung einerseits und viele Rhythmuswechsel und Unruhe andererseits aus. Dies führt etwa dazu, dass häufig in den Bläsern ein ganz großer Melodiebogen angestimmt wird (– ein gerne gebrachtes Klischee ist hierbei die landschaftliche Weite Finnlands, die ich bei dieser Sinfonie allerdings noch nie besonders rausgehört habe, denn dafür ist diese Sinfonie viel zu unruhig.) Doch unter diesen großen Melodiebögen ist entwickeln die Unterstimmen ein Eigenleben, was es den Solisten nicht immer leicht macht. Sibelius hat diese Unruhe meisterhaft durch gegenläufige Rhythmen in den Unterstimmen eingebaut: So spielen gerade Celli und Kontrabässe unter die Melodien einen Rhythmus, häufig anspruchsvolles vier gegen drei, sowie permanente Takt- und Tempowechsel. Diese gegenläufigen Rhythmen stören die Idylle der Melodiebögen und schaffen so eine unglaubliche Spannung und Unruhe, die sich dann anschließend in schnelle Attacken und halsbrecherische Läufe entlädt, die gerade hohen Streicher mit einer großen Präzision und Schärfe vortragen konnten. Vor allem im Sonntagskonzert schaffte die AOV es, die Tuttistellen kraftvoll und elegisch vorzutragen und war in den Rhythmen präzise. Gerade bei solchen ausdrucksstarken Stücken hat die AOV seit vielen Jahren ihre ganz große Stärke.

Der Dirigent schließlich: Am Ende wurde es sehr emotional, als Niklas Hoffman sich in bewegten Worten beim Orchester und beim treuen Publikum der AOV bedankte und seinen Weggang zum London Symphony Orchestra ankündigte, wo er im November 2016 den Donatella Flick Dirigierwettbewerb gewonnen hat und wo er in der nächsten Zeit als „Assistant Conductor“ arbeiten, und sich weiterentwickeln wird. In seiner Zeit bei der AOV hat er das Orchester weiterentwickelt. Sein präziser, aber sehr tänzersicher Dirigierstil und seine positive Ausstrahlung hat die AOV motiviert und zu Höchstleistungen angetrieben. Und es ist wie schon beim Weggang von Lorenz Nordmeyer vor 2 Jahren, der die AOV selbst viele Jahre dirigiert und ebenfalls Großes in Göttingen geleistet hat, dass hohe Erwartungen auf seinem Nachfolger liegen: Der Italiener Piero Lombardi, ein in Zürich ausgebildeter Geiger und fortgeschrittener Student an der Musikhochschule Weimar, kann ab Wintersemester 2017/18 mit einem tollen Orchester weiterarbeiten und wird in Göttingen hoffentlich ähnliche Akzente setzen können. Und es ist auch an den jungen Mitgliedern der AOV, die 111jährige Tradition der AOV fortzusetzen. Das Präsidium und die Verwaltung der Georg-August-Universität Göttingen sollten die Laien-Musiker der AOV, die diese Konzerte regelmäßig mit ehrenamtlichem Engagement organisieren, bestmöglich unterstützen.