The Sound of Independence (5): Phillip Boa and the Voodooclub, Meister des Indierock

Phillipp Boa ist der selbst ernannte Großmeister des Indierock: Mit Pia Lund und der Band Vodooclub war Boa musikalisch immer eine ganz eigene Klasse. Kommerziell war Phillip Boa & the Vodooclub in den 1990er Jahren der wohl erfolgreichste Outcome der Indieszene, gemeinsam vielleicht mit Sven Regners Element of Crime. Seine Musik, seine Auftritte und seine Videos waren ein bowiehaftes Spiel mit Rollenerwartungen, sein ganzes Auftreten spielte irgendwas zwischen Schüchternheit, Arroganz und Exzentrik, etwas, was über den engen Rand des Musikbusiness hinausreichte. Der Anspruch war, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, ähnlich vielleicht nur noch den Einstürzenden Neubauten – aber wer will die schon hören. Im Gegensatz zu anderen war Boa in der Lage, nach der Wiedervereinigung, als eigentlich Rave und Techno die Trends setzten, die Hamburger Schule reüssierte und das Interesse an schrammeligem Gitarrenrock deutlich nachließ, seine Musik für einige Jahre im Mainstream zu platzieren, immer auf der Suche zwischen Punkrock, Kommerz und Kunst, auf einem schmalen Grat zwischen künstlerischer Entwicklung und dem Verrat an sich selbst.

Der Ausgangspunkt von Boas Musik war der Punkrock, allerdings waren seine Songs von Anfang an durch das Experimentieren mit Klängen gekennzeichnet. Schlagzeug und Perkussion spielen hier eine zentrale und gestaltende Rolle. Später kam das Aufnehmen von Elementen aus dem Techno hinzu. Dies ging so weit, dass Boa in den 1980ern auch in Großbritannien als innovativer Künstler wahrgenommen wurde, was außer den Rainbirds kein deutscher Rockact wirklich hinbekam. Für die Songarchitektur war die kongeniale Partnerin Pia Lund sehr wichtig, da sie beim Songwriting den Counterpart von Boa spielt. Lund verließ die Band 2013, nach vielen Streiten und Versöhnungen endgültig. Inzwischen arbeitet die Band mit verschiedenen Sängerinnen, aber Lunds Weggang konnte kreativ nie vollständig kompensiert werden.

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Phillip Boa in den 1980er Jahren

Der musikalische Crossover, der Boa auszeichnet, besteht aus Coolness und verquere Exzentrik in der Strophe, die im Refrain dann gerne in mehrheitsfähige Melodien übergeht. In der Strophe Punk, im Refrain Populist. Diese Refrains wurden häufig von Pia Lund beigesteuert und interessanterweise lehnte Boa diese melodiösen Elemente als zu kommerziell ab: „Ab 10.000 Tonträgern verkaufst du an Idioten“, so sein Spruch. Kommerzieller Erfolg galt in der Indieszene als der Tot der Kreativität und war überhaupt des Teufels. Beispielhaft hierfür die Entstehung von „Container Love“, das die Geschichte der Figur Paul erzählt, einem Abräumer in einer Disko in Hagen, der die Reste der Gläser austrinkt und den Müll in einem Container entsorgt. Eine gebrochene Figur, die in der Alternativkultur Halt findet, eigentlich eine typisch schräge Geschichte der Zeit, die im Refrain in eine kinderlied-artige Melodie mündet. Diese einfache Melodie lehnte Boa bei der Aufnahme auch sofort und zielsicher als „zu poppig“ ab. Ihn trieb die Angst um, mit einem zu großen Erfolg zu einem one-Hit-wonder zu verkommen. Bei den Aufnahmen gab es folglich Streit, aber Pia Lund und der Rest der Band setzte sich durch und der Song wurde der vermutlich größte Erfolg der Band:

Diese Mischung aus Exzentrik und mehrheitsfähigen Melodien machten den Erfolg von Boa Ende der 80er Jahre aus, kommerziell hat es Boa aus der Szene wohl am Weitesten gebracht – sieht man mal von Sven Regners „Element of Crime“ ab, die ja eigentlich auch zu diesem Jahrgang gehören, aber irgendwie früher abgegangen sind. „Diana“ oder „Then she kissed her“ waren die Ohrwürmer der Indie-Szene der späten 80er, die Bildsprache charakteristisch für den Zeitgeist, wie sonst vielleicht nur Joshua Tree von U2. Andererseits wusste Boa auch zu provozieren: In „Kill Your Idols“ machte er diese Provokation musikalisch zum Programm: Jeder ist ersetzbar, mach Dein Ding, kümmere Dich nicht darum, was Deine Idole machen. Die Geste ist noch Hardcorepunk, textlich und musikalisch war Boa 1987 schon drei Schritte weiter als der Rest der linken Punkszene.

Die Konsequente Entwicklung war der Erfolg und Boa gründete ein eigenes Label für Nachwuchskünstler und wechselte andererseits selbst zu einem Major Label. Das etwas skurrile „This is Michael“, das in der Rockversion trotz aller Mandolinen und dem Sängergestammel insgesamt sehr brav-pedantisch klingt, unterlegte er in einer zweiten Version mit den Beats von DJ Westbam, und siehe da, der Song funktioniert im Diskoformat viel besser. Die Indierock-Szene schäumte vor Wut über diesen „Verrat“ und musikalisch ist das ein Geniestreich, der Song klingt 25 Jahre später wie ein guter Klassiker.

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Auch im wiedervereinigten Deutschland konnte Boa kommerzielle Erfolge erzielen, da er Trends wie den aufkommenden Techno aufgriff. Hier unterscheidet er sich von einigen anderen Akteuren der Indie-Szene wie M. Walking on the Water oder Shiny Gnomes. Und immer ging es um das ganz große Ding, Boa wollte Trends setzen, produzierte Skandale in der BILD-Zeitung und ging gerne in ganz großer Formation auf Tour. Ich habe 1992 sein Konzert in der Marburger Mensa gesehen: Ein riesiges Aufgebot an Musiker, alles wahnsinnig laut, eine bombastische Lightshow, viel Nebel und das Publikum rastete aus bei jeder Handbewegung des Meisters. Eine riesige Gschaftelhuberei. Dieses Konzert war der Hauptgrund, warum ich Boa viele Jahr ignoriert habe. Damals war mir deutlich zu dick aufgetragen, die Fanschaft war doch recht prollig, mehr Guns & Roses als Punk.  Boa verkauft sich auch als Arbeiter auf der Bühne, er bedient auch dieses Image.

Musikalisch Phillip Boa zwar nie richtig aufgehört: Seine regelmäßigen Ankündigungen, die Karriere dieses Mal definitiv zu beenden und auf der Insel Malta ins Exil zu gehen, waren ein durchschaubares Spiel mit dem Klischee, selbst die Ärzte haben 1988 ihren ersten Rückzug überzeugender angekündigt. Trotzdem wurden die Platten Ende der 1990er Jahren seltener. Der Erfolg hatte nachgelassen, die Platten wurden seicht, Boa fremdelte mit seinem Werk. Der Mainstream war inzwischen völlig woanders gelandet. Er ironisierte 2005 in einem Songtext: „I’m a member of the generation of the downloading 24 hours people, downloading from my brain.“ („Punch of Judy Club“ auf Decadence & Isolation 2005). Es dauerte noch einige Jahre, um herauszufinden, dass es für einen Elder Statesman des Indierock völlig wurscht ist, wo sich der Mainstream gerade so aufhält.

Seit 2012 hat Boa die Aktivitäten wieder intensiviert. Inzwischen gibt es aktuelle Website. Die ersten zwei und bringt die CDs auf eigene Rechnung bei Cargo/Constrictor heraus. Drei Platten hat er rausgebracht, Loyalty, 2012, Bleach House 2014 und 2016 die Compilation „Blank Expression“, das sich nach eigenen Angaben „gut verkauft“. Das ist alles sehr hörenswert, mir gefällt vor allem „Standing blindly on the rooftops“. Es gibt auch einen Mitschnitt eines akustischen Konzertes, bei Boa heißt das dann „reduced“. Selbst auf der Compilation 2016 waren einige neue Songs enthalten, wie z.B. „Death is a Woman“:

Der Meister gibt weiterhin auch Konzerte, 2014 habe ich ihn in Göttingen erlebt. Es geht hier immer noch etwas prolliger zu als auf anderen Indie-Konzerten, aber die Energie ist insgesamt positiv und die Performance war zweieinhalb Stunden erstaunlich intensiv, immerhin sind wir inzwischen über die 50 hinaus. Boa spielt altes und neues Material, zwischendurch veredelt mit etwas Wein. Der Meister kann es einfach!

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Im August 2018 ist die neueste CD „Earthly Powers“ erschienen, die zwischenzeitlich für eine Woche auf Platz 3 der CD-Charts in Deutschland kletterte, die beste Platzierung der Band. Die Fans sind ihm treu geblieben. Musikalisch ist Boa weiterhin aktuell, auch wenn sein Stil inzwischen verstetigt hat. Nightclub Flasher ist Gitarren-Pop, immer noch irgendwas zwischen schräg und eingängig. Stilistisch hat sich Boa in den letzten Jahren neu erfunden und etabliert: Die CDs verkaufen sich gut wie nie, die Konzerte sind gut besucht, sein Youtube-Kanal hat 230.000 Follower, die Sache läuft. Erstaunlich für eine Karriere, die 1985 begonnen hat und zwischenzeitlich fast beendet schien.

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