The Sound of Independence (4): Ferryboat Bill, die Jungs von unter Deck, aus dem Maschinenraum

Stilistisch könnte man die Musik von Ferryboat Bill als Mischung von Hardcore Punk, Gitarrenrock, Western und Bluesrock bezeichnen. Das Ergebnis dieser Mischung klingt nach Maschinenraum, nach Südstaaten oder Ruhgebiet, je nachdem, und nach jede Menge Kohle und ehrlichem Schweiß. Hier spielen noch echte Jungs von unter Deck, direkt aus dem Maschinenraum.

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Liquors and Telescopes von 1988, das wohl am meisten beachtete Werk von Ferryboat Bill

Benannt nach eine Song von Velvet Underground, wird der Anspruch der Gruppe deutlich: Nicht kommerzielle Indie-Musik. Ferryboat Bill wurde 1986 von Bernd und Klaus Uebelhöde (Voc. & Git.), Christoph Többen (Bass) und Willi Henke (Drums) sowie bei den Livekonzerten häufig Wolfgang Finke (Piano) in Waltrop gegründet. Das Ganze war im Konzert sehr laut, auf der Bühne wurde geraucht, Bier getrunken, es wurde laut geflucht, wenn der Soundcheck nicht funktionierte, die Jungs hatten lange Haare und irgendwie war diese Band wild und ungezähmt. Ich habe mehrere Konzerte der Band in Marburg gesehen, so auch bei ihrem Gastspiel am 10. Dezember 1988 im KFZ in Marburg, natürlich im Rahmen der Reihe „Sound of Independence“.

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Ich war an diesem Tag etwas zu früh beim Konzertort, dem legendären KFZ. Im Innenraum machte die Band gerade ihren Soundcheck und ich wunderte mich, dass man trotz geschlossener Türen alles ganz genau hören konnte…. Zum Einspielen hatte die Band einen bestimmten Song, „Walk Away“, der entfernt an den U2-Song „Bad“ erinnert. (Genauso bei ihrem Auftritt 1990 und 1991 beim DKP-Zelt in Marburg). Und spätestens beim Hören dieses Songs war mir klar, dass mir diese Art Musik absolut zusagt, denn das war echter Rock’n Roll.

Die Platte „Liquors and Telescops“ von 1988 ist ein Meisterwerk des deutschen Indierocks. Hier hat es Ferryboat Bill vermutlich so gemacht, wie die Beatles im Herbst 1962, dass sie aufgrund knapper Studio-Zeit einfach die Songs live eingespielt haben. Allerdings wurden hier keine Band-Musiker durch Studio-Musiker ersetzt, denn das, was man auf der Platte hört, wurde im Konzert genauso präsentiert, nur eben ungefähr 50 dB lauter. Man hört geradlinigen Gitarrenrock, gepaart allerdings mit einzelnen Rückgriffen auf Western – der Vater vonUebelhöde war LKW-Fahrer und hörte gerne Country. Und trotz aller Rückgriffe auf den Punkrock, so präsentiert sich die Band gerade im Country stilsicher. Hier ein (ästhetisch gewöhnungsbedürftiges) Video des Songs „Gasonline Waltz“, der die Meisterschaft der Band im Adaptieren des klassischen Country-Genres deutlich zeigt.

Luke the Drifter“ von 1990 wurde groß angekündigt, war aber am Ende eher durchwachsen. Die Band wollte sich entwickeln und es wurde nun den üblichen Studiotechniken herum experimentiert, allerdings nicht zu Vorteil der Platte: Man hört, dass Instrumente einzeln eingespielt wurden und die Songs ergeben teilweise kein ganzes mehr. Trotzdem findet man auch auf dieser Platte wundervolle Songs, wie z.B. „Luke the Drifter“ oder das auf einer Single herausgebrachte „Parentship“. Trotzdem fallen hier Punk und Country, die vorher 1988 noch eine Einheit bilden, stilistisch auseinander. Aber auch diese Platte ist eine Empfehlung für Liebhaber des Bluesrock!

1991 gab es einen Auftritt in der Sendung „Live aus dem Schlachthof“ beim Bayrischen Rundfunk mit der jungen Sandra Maischberger als Moderatorin (- man beachte das Brillengestellt!) Auf Youtube kann man das nach sehen und man wundert sich über die Band, die mit dem Medium TV nichts anfangen konnte. Die Musiker wirken auf der Bühne steif und introvertiert, und der Song („Luke the Drifter„) ist für ein breites Publikum eher ungeeignet, auch wenn die Freunde des Bluesrock auch diesen Song sehr mögen. Völlig deplaziert war die Anmoderation von Maischberger, die offensichtlich selbst Probleme hatte, diese Band richtig einzuordnen.

Die vierte und letzte Platte, „Bricks like These“ treibt den Sound der Band auf die Spitze. Insgesamt ist nur „Liquors and Telescopes“ so durchgängig gut, die anderen Platten fallen etwas ab. Trotzdem ist es extrem schade, dass diese Band aufgehört hat! Bernd Uebelhöde hatte in den 1990er das Folk-Duo „Sons of Jim Wayne“ am Laufen, das ab und an Konzerte gibt. Leider ist auch diese Band etwas in der Versenkung verschwunden und man kann die Platten nicht auf iTunes kaufen. Das folgende Video handelt über Bernd Uebelhöde und seine Folkband „Sons of Jim Wayne„:

Liebe Bandmitglieder von Ferryboat Bill, wenn Ihr das lest und Lust habt, meldet Euch mal und ergänzt den Text oder sagt, an welchen Projekten ihr gerade arbeitet. Eure Songs bedeuten mir etwas und es gibt vermutlich im Untergrund viele Fans Eurer Platten, die gerne wüssten, ob und wo ihr aktiv seid!

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