Das Pavel Haas Quartett in Göttingen: Gesang, Dynamik und Leidenschaft

Am Sonntag, 19.11.2017 gastierte das Pavel-Haas-Quartett gemeinsam mit dem Pianisten Boris Giltburg in Göttingen in der Aula am Wilhelmsplatz. Die Kammermusikalische Gesellschaft e.V. hatte im Rahmen ihres diesjährigen Brahms-Zyklus eingeladen. Auf dem Programm standen in der ersten Hälfte das Rosamunde-Quartett in a-Moll (D 804) von Franz Schubert von 1824, das Quartett Nr. 7 in fis-Moll (Op. 108) von Dimitri Schostakowitsch (1960). In der zweiten Hälfte wurde das Quartett durch Boris Giltburg ergänzt und das Ensemble spielte das Klavierquartett in f-Moll (Op. 34) von Johannes Brahms von 1865.

IMG_7499.JPG
Das Pavel Haas Quartett mit Boris Giltburg in der Göttinger Aula am Wilhelmsplatz

Das Pavel Haas Quartett war bereits am 16. November 2014 in Göttingen aufgetreten und hat sich seither weiterentwickelt. Die technische Brillanz in allen Stimmen sind heutzutage geradezu Voraussetzung für eine internationale Karriere und hier hat das Quartett alle Voraussetzungen. Aber das besondere des Quartettes ist der sehr homogene Klang und die Ruhe und Meisterschaft, mit der das Ensemble etwa das Rosamunde Quartett darbietet. Das Quartett von Schubert ist wohl eines der populärsten Stücke der Kammermusik-Literatur, das durch für Schubert ungewöhnlich heitere und lyrisch-gesangliche Passagen gekennzeichnet ist. Ein solches Stück birgt immer die Gefahr, dass viele Zuhörer es kennen und umso genauer zuhören. Eine mittelmäßige Darbietung kann sich so sehr schnell zum Nachteil für die Künstler entwickeln.

Nicht so beim Pavel Haas-Quartett: Die Darbietung geriet absolut überzeugend. Gerade die lyrischen, gesanglichen Passagen interpretiert das Quartett mit der besonderen Gabe, etwa kurze Tempoverschleppungen und -verschärfungen oder auch Crescendi unter der Führung von den beiden Violinen Veronika Jarusková und Marek Zwiebel mit großer Präzision und Souveränität zu spielen. Die musikalische Interpretation ist von traumwandlerischer Sicherheit. Im dritten Satz zeigte das Quartett, dass es auch leise mit unglaublicher Präzision spielen kann und trotzdem am tänzerischen Charakter des Satzes nichts verloren geht. Hier arbeiteten die Stimmen mit der Präzision eines Uhrenwerk, bei alle Rädchen perfekt ineinander greifen. In Schuberts Stück ist jeder Takt durchgearbeitet und so wird dieses Stück zu einer präzisen und hochwertigen Darbietung.

Interessant an Schuberts Quartett ist, dass man auch in diesem Stück an einigen Stellen trotz der optimistischen und lyrische Gesamtstimmung einige düstere Andeutungen in der Cellostimme hört, die ähnlich wie z.B. im Klaviertrio in Es-Dur einen Halbton über dem Grundton des Quartettes liegen und vom Cello als Solo intoniert werden. Sie werden mitunter als Andeutungen von Todessehnsucht interpretiert. Das Quartett arbeitet auch die düsteren Stellen heraus und wird so dem Charakter von Schuberts Quartett mehr als gerecht.

Und das geht mit dem sehr kurzen Quartett Nr. 7 von Schostakowitsch so weiter: Doch dieses Stück kommt unterkühlt daher. Gerade der erste Satz ist mit unglaublicher Präzision und Energie gespielt. Liegende Töne werden ohne Vibrato gespielt und erzeugen durch Sekunden und Septimen eine Spannung, die auch Schostakowitsch’ innere Konflikte mit dem KP-Regime in Moskau reflektiert. Auch die tänzerischen Passagen sind gelungen, allerdings kommt hier keine besondere Heiterkeit auf. Diese Passagen sind durchaus als zynische Allegorien an die kommunistische Volkskunst gemeint und werden vom Quartett humorlos und in sachlicher Kälte dargeboten. Hierzu lassen die Violinen ihr Vibrato weg, auch bei langen Liegetönen und die Strichführung ist ganz nach russischer Schule hart und mit Druck. In dem Quartett von 1960 beklagt Schostakowitsch auch den Tod seiner Frau Nina sechs Jahre zuvor und in den ruhigen Passagen kommt diese Trauer zum Ausdruck. Auch in dem zweiten Stück hat das Quartett sehr präzise an der Interpretation gearbeitet und es wäre ein Hochgenuss, dieses Stück auf CD zu hören.

PavelHaasQ033.jpg
Das Pavel Haas Quartet mit Boris Giltburg (Pressefoto)
Photo: Marco Borggreve

Während das Quartett vor der Pause vor allem durch präzise Musikalität zu überzeugen weiß, so zeigt das Pavel-Haas Quartett nach der Pause beim Klavierquartett von Johannes Brahms seine Dynamik, Energie und Leidenschaft. In diesem Stück kommt mit dem Pianisten Boris Giltburg ein weiterer Künstler hinzu, allerdings harmonieren die Künstler auch hier. Giltburg passt sich perfekt ein und der Cellist Peter Jarusek hat jetzt seine große Stunde und kann mit seinem Instrument, das (trotz eines Wolfes..) einen warmen und runden Klang ausbreitet, das Bindeglied zwischen Quartett und Pianisten spielen. Ich habe selten jemanden so überzeugend und musikalisch die Pizzikati gestalten gehört: Hier gibt Jarusek den Takt vor und selbst in den einzelnen Noten lebt Musik. Allein das war den Besuch wert. Die Solopassagen von dem seit 2017 neuen Bratscher im Quartett, Radim Sedmidubsky sind ebenfalls überzeugend.

Es ist bei diesem Stück insgesamt erstaunlich, wie laut ein Quartett mit einem Klavier in der trockenen Göttinger Aula klingen kann: In den rhythmischen Passagen des Stücks (lt. Programmheft „dramatische Wucht“) geht eine unglaubliche Dynamik von dem Ensemble aus. Aber auch im Forte ist das Ensemble sehr präzise, mit einigen wenigen Ausnahmen: Manche Tempoverschleppungen der ersten Violine, die in der ersten Hälfte so überzeugend waren, passen hier an einigen Stellen nicht so ganz und wirken dann teilweise etwas unpräzise. Aber das fällt am Ende kaum ins Gewicht. Es gab viel Applaus und der Kammermusikalischen Gesellschaft ist es erneut gelungen, einen Abend mit Weltklasse-Künstlern zu organisieren. Ich hoffe, dass wir in Göttingen weitere Konzerte mit dem Pavel-Haas-Quartett erleben dürfen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s