The Sound of Independence (3): Tom Liwa und die Flowerpornoes

Kommen wir zu Tom Liwa und den Flowerpornoes: Die Band hat sich auch 1985 gegründet und ich weiß auch, dass sie irgendwann 1987/88 mal in Marburg gespielt haben, allerdings vor meiner Konzertbesucher-Zeit. Die Flowerpornoes machten Gitarren-lastige Musik, teils sehr schrammelig, teils mit souligen Bläser-Arrangements, die gut klingen. Aber das Besondere sind die deutschen Texte: Die Gruppe vollzog den Schritt zu den deutschen Texten recht früh in den späten 1980er Jahre und waren mit Element of Crime Vorreiter. Tom Liwa ist Lyriker und man könnte die Flowerpornoes auch als die Literaten unter den deutschen Indiebands der 80er bezeichnen – vielleicht neben Regners’ Element of Crime.

TomLiwa

Die Platte „Ich & Ich“ von 1996 war die CD, durch die ich auf die Texte Liwas aufmerksam wurde. Und eigentlich war es mehr der Sampler 32 aus dem Magazin Musikexpress von 1998, auf dem sich eine bis heute unschlagbare Mischung von Songs der zwei Indie-Labels Clearspot und Moll befand. Und der beste unter ihnen, ganz ehrlich!, war „Ich will immer irgendwohin“. Das war für viele Jahre der einzige Song, den ich von Liwa überhaupt kannte und gleichzeitig einer meiner Lieblingssongs bis heute.

Der Song ist eine gute Mischung aus Gitarrenrock aufgemischt mit einem soulmäßigen Bläsersatz. Schön und gut, aber gerade bei diesem Song ist das Besondere der Text, der so gnadenlos-ehrlich eine typische Beziehungsgeschichte aus den 90er Jahren schildert. Der Liedermacher besucht eine Freundin, die über sich selbst und ihre neue (alte) Beziehung berichtet. Wir sehen auf der einen Seite das alte Denken, Ideologie und die guten Gespräche, auf der anderen Seite den neuen Pragmatismus, den Beruf und den guten Sex. Und die Frau hat sich für den Pragmatismus und gegen die guten Gespräche entschieden. Wow, das ist hart, aber so waren die 1990er Jahre! Das Lied beginnt sehr direkt mit den brutal-ehrlichen vier Zeilen:

Sie sagt ich bin jetzt wieder// Zusammen mit meinem Ex// Manchmal fehlt mir der intellektuelle Scheiß// Dafür hab‘ ich wieder Sex

Und der ganze Song geht gerade so weiter, und mir war beim ersten Hören klar: Das ist textmäßig ungefähr fünf Etage zu ehrlich, zu klug und zu kompliziert für den ganz großen Verkaufserfolg im Pop-Geschäft. Und genau deshalb liebe ich diesen und andere Texte so, denn sie gehören eigentlich zwischen zwei Buchdeckel. Liwa ist in bestem Sinne Lyriker, der in dem Song bereits eine kluge Selbstbeschreibung gibt:

Landauf landab die Leute zu beglücken// Mit meinen traurigen, traurigen Stücken// Doch mit dem über Dich bin ich noch lange nicht fertig// Ich schreib seit Jahren dran// Aber irgendwie komm’ ich nicht an

Die Vergeblichkeit, mit diesen Texten den ganz großen Verkaufserfolg zu landen, muss ihm bewusst gewesen sein. Und es war und ist ihm vermutlich nicht wichtig, sondern er ist ein kompromissloser Künstler, vielleicht der Unabhängigste von den hier besprochenen Independent-Musikern. Liwa steht in meinen Augen auch in der Tradition der Liedermacher und das zeigt sich, wenn man „Ich & Ich“ von vorne bis hinten hört. So ist „Respekt“ eine schöne Allegorie, bei der man nie weiß, ob es um den Begriff geht, oder um eine politisch korrekte Frau. Wahnsinn! Eines der großartigen Stücke auf dieser CD ist auch „Sweet Thing“:

Der Song ist zunächst eine Cover-Version von Van Morrison. Doch wie so häufig, entwickelt eine Cover-Version ihr Eigenleben. Natürlich sind viele Zeilen aus dem englischen übertragen. Aber am Ende steht ein Text, der weitaus besser ist als das Original. In dem Song treffen wir den Geschichtenerzähler Liwa, der uns auf eine Reise führt: „Ich werd‘ den alten Weg lang schlendern„. Das klingt erst euphorisch, überglücklich: „He, ich bins, ich steh vorm explodieren!“ Nach dem Ende des ersten Stückes, nach einigen Leerminuten, wird ein zweites Stück angehängt, auf dem Liwa sich auf eine surreale Schatzsuche begibt – und spätestens das hat wirklich nichts mehr mit Van Morrison zu tun. Das ist wirklich ganz große und eigenständige Erzählkunst in Songform, nur eben für ein bereits Publikum wohl leider auch zu sperrig.

Trotzdem bringt Liwa auf dieser Platte das Lebensgefühl der 1990er Jahre auf den Punkt und die Texte sind teilweise eine gute Zustandsbeschreibung der Postmoderne, in der die Generation der Jahrgänge 1970-1980 im wiedervereinigten Deutschland alles mit Ironie und Distanz betrachten und bei jedem Projekt einen doppelten Boden oder ein Haar in der Suppe finden. Viele dieser Entwicklungen kennen heute vielleicht, aber 1996 war das keineswegs so ganz klar. Doch Liwa beobachtete diese Entwicklungen bereits sehr früh und berichtete davon in seinen Texten.

Wie die anderen Band dieser Textreihe „Sound of Independence“ war und ist auch Tom Liwa in den letzten Jahren wieder recht aktiv gewesen, auch wenn sich vieles davon noch etwas unter der kommerziellen Wahrnehmungsschwelle befindet. Doch für einen WDR-Bericht reicht es. Aber das ist umso wertvoller: Liwa hat uns als kritischer Zeitgenosse etwas mitzuteilen und macht hierbei keine Kompromisse mehr. Er ist auch jemand, der sich den Mechanismen des Musikbusiness nie anpassen wollte und will, sondern sie aus einem Abstand heraus politisch reflektiert – und hier an die Debatten der 1980er Jahre anknüpft, die über die Jahre verloren gegangen sind.

Auch bei Liwa kann man die späte Meisterschaft beobachten: Besonders beeindruckt mich sein Song „Dein Wille geschehe“ von 2012:

Dein Wille geschehe// Dein Wille allein// Lass die Dinge entstehen// Und dann lass sie sein

Es ist zunächst mutig, eine Zeile aus dem Vater Unser als Songtitel und Refrain zu verwenden, doch dieses Risiko geht in dem Song auf wunderbare Weise auf. Wenn meine Kinder ein Lied spontan mögen, dann ist dies für mich zunächst ein großes Prädikat, das idR. nur die Beatles und ganz wenige andere Künstler erreichen. Bei diesem Lied war es so!

Auch dieser Song ist eine verkrachte Liebesgeschichte. Der Erzähler trauert jemandem nach, doch die Haltung des Erzählers ist eine spirituell-gelassene: Die Person, der er nachtrauert, lässt er los, gerade weil er sie liebt. Und doch kommt diese Spiritualität nicht esoterisch-aufdringlich daher, sondern im Gegenteil, sie erschließt sich erst subtil und bei mehrfachem Hören.

Solche Songs kann man vermutlich erst in einem bestimmten Alter schreiben. Und ähnlich wie bei den Kollegen der Shiny Gnomes und M. walking on the water erreicht Liwa mit den Jahren eine späte Meisterschaft. Ich kenne wie gesagt nur einen Teil von Liwas Texten, insofern sind dies nur meine Gedanken zu dem was ich kenne. Wer ergänzen oder widersprechen mag, sehr gerne! Für mich sind diese Lieder ganz feine Poesie und allein für den Song „Dein Wille geschehe“ muss man Tom Liwa einfach gern haben!

Wer mag, Liwa hat auch eine Facebook-Seite: https://www.facebook.com/TomLiwaMusik/

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