The Sound of Independence (2): M. Walking On The Water aus Krefeld

M. Walking On The Water, 1985 gegründet von Markus Maria Jansen und Mike Pelzer in Krefeld, sammelte erste Erfahrungen mit Strassenmusik und im Rahmen von Kleinkunst-Theatern. Auf den ersten beiden Platten spielt die Band eine bizarre Mischung aus düsterem Folk, Psycho und wildem Punk. Am Anfang sagten noch einige Kritiker, die Ms’ seien die „deutschen Pogues“, aber dafür hatte das Projekt viel zu viel Stil und eine gehörige Portion an künstlerischen Eigensinn. Auf vielen Band-Bildern werden die Köpfe durch Balken ersetzt, eine schräge Bildsprache, die für den Eigensinn, aber auch das kreative Potenzial der Band steht.

MWalkingOnTheWater
Foto: Zippo Zimmermann, www.designladen.com

Party in the Cemetry“ war 1986 ein Hit, „Flowers of the Gone” war eines meiner Lieblingslieder. Nicht nur The Pogues klangen durch, auch “Killing Moon” von Echo & The Bunnymen, „Dear Good“ von XTC oder die Violent Femmes. Mit der EP „The Walz“ zeigte die Band, dass sie den Dreiertakt beherrschen. Und schon auf der zweiten Platte wurde das Spektrum breiter: In „Adventures by Boat“ finden sich Anklänge an den Jazz, „Religion Guitar“ ist so düster wie „Country Dead Song“ von den Violent Femmes. Die Kombi Folk, Psycho und Punk gab es schon einige Male in den 1980er Jahren, aber M. Walking On The Water hatten bereits zu Beginn ihren ganz eigenen Stil gefunden.

Der große Sprung nach vorne war die Platte „Pluto“ von 1989, die für den deutschen Indierock stilbildend war: Das Album wurde im Musikexpress „Platte des Monats“, verkaufte sich recht gut und steht in enger Nachfolge zu den Pixies. Ein Klassenkamerad hatte „Pluto“ als CD zu Hause rumliegen, was die Vorzeichen einer Zeitenwende war: Erst der CD-Spieler, dann die Wende in Ostdeutschland im Herbst 1989 und dann die wiedervereinigte Republik, die mit einem anderen Lebensstil und ganz neue Problem kam. Trotzdem war Pluto ein Erfolg: Einige der großartigen Songs, z.B. „Soldier of Love“ spielt die Band bis heute auf ihren Konzerten. Ebenso „Party in the Cemetry“, echt wild!

Und hier sind wir dann erneut bei einer Band, die zu einem großen Major-Label wechselte – den „bösen Kapitalisten“… – denen der Wechsel mehr Geld, aber nicht den ganz großen Durchbruch brachte. Und während ich das hier schreibe, denke ich, was für ein Hybris! Welche Klischees es damals gab – zumindest aus Zuhörersicht ist das Label eigentlich zweitrangig. Allerdings waren die Pop-Retorten in den 80er Jahren noch mehr an der Tagesordnung: Die Produzenten Stock, Aitken & Waterman hatten mit einer Reihe von „Retorten-Künstlern“ wie z.B. Rick Astley Verkaufserfolge. Das waren „Künstler“, die von der Plattenfirma alles vorgelegt bekamen, inklusive der Songs und Arrangement. Kunst als massenkompatible Ware, aber in diesem Arrangement hatte der Künstler nichts mehr zu melden. Von dieser Kultur-Maschinerie setzten sich die Indie-Bands bewusst ab und versuchten über die kleinen Labels mehr Kreativität und Unabhängigkeit auf die Platten zu bringen. Andererseits ging es in den 80er Jahren darum, den Kapitalismus irgendwie zu besiegen oder zu überwinden, eine ideologische Deutung der „Alternative“-Musik-Szene, die Kunst im politischen Prozess nutzen wollte. Diese Deutung der Indie-Musik, der ich in Marburg häufiger begegnet bin, trat (zum Glück) in den 90er Jahren deutlich in den Hintergrund, selbst wenn man das Musik-Business kritische sieht.

Die Musik von M. Walking On The Water blieb bis in die frühen 90er Jahre hip. Der Song „Poison“ von 1991 war in den Playlisten des WDR gelistet und ein Verkaufserfolg. Aber auch hier blieb irgendwann der große Erfolg aus und es folgten Umbesetzungen und kreative Findungsphasen. Es gab einige weitere Platten, die zwar nicht schlecht waren, aber irgendwie verschwanden die Ms. Die neue Stile des widervereinigten Deutschland waren Techno, deutscher Hiphop, Hamburger Schule und Manchester Pop. Markus Maria Jansen veröffentlichte 1998 und 2001 auch zwei Platte mit dem Band-Projekt „Jansen“ mit deutschen Texten, die von den Kritiken positiv besprochen wurden.

Auf der Website von Fuego gab es seit den frühen 2000er Jahren eine Seite der Band, auf der im Wesentlichen gesagt wurde, dass die Band im Moment mit anderen Dingen beschäftigt sei. Und dann geschah so gegen 2007/2008 das Wunder: Es gab wieder erste Proben und Konzerte. Inzwischen ist die Band auch auf Facebook und man kann Tourdaten und neueste Veröffentlichungen folgen. Ab 2009 gab es die alten Platten im iTunes Store zum Runterladen. Im Jahr 2011 brachte die Band seit vielen Jahren eine Platte raus, „Flowers for the Departed“, die irgendwas zwischen nett und wild war, aber doch einige tolle Songs enthält. 2012 gab es eine Cover-Version des Depeche Mode-Songs „Enjoy The Silence“. (Darauf muss man auch erstmal kommen!)

2015 veröffentlichte die Band zu Weihnachten eine düstere und gleichzeitig stilistisch unheimlich elegante Cover-Version von „Fade to Grey“ (ein Song der electronic Band Visage von 1982), zu der es auch ein Video gibt:

Die Band zeigt inzwischen eine späte Lässigkeit und Meisterschaft im Folk, der ich gerne zuhöre. Im Oktober 2010 nahm die Band einige ihrer Songs auf dem eigenen Boot in Flensburg auf, die sogenannte „Kajüten-Sessions“, hier mit dem Song „Poison“. Wie schön, dass man den Ms‘ weiter zuhören kann!

Nachbemerkung: Markus Maria Jansen hat einen eigenen Blog, auf dem er über neueste Aktivitäten berichtet: http://www.line1.de/jansen/

Auch Mike Pelzer hat noch weitere Aktivitäten im Repertoire, wie z.B. die Gruppe „Basta Fou„:

Die aktuelle Band von Martell Beigang (Drums) heißt Schank und bezeichnet die eigene Musik als „Party Folk“, oder sollte man sie die fröhlichen Brüder im Geiste bezeichnen. Ihr Song „Wir trinken zu schnell“ erinnert so ein wenig an das fröhliche „Schland O Schland“ von Wuwu Lena zur WM 2010. Diese Parties kann man sich auf jeden Fall sehr lebhaft vorstellen.

5 Kommentare zu „The Sound of Independence (2): M. Walking On The Water aus Krefeld

  1. Hallo Sebastian. Das war zu meiner Zeit bei Radio Fantasy in Belgien eine meiner Lieblingsbands. Ich habe viele Konzerte besucht und dabei drei supernette Interviews gemacht. Schön zu erfahren, dass es noch Aktivitäten gibt! Gruß Günter Radermacher

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