1988, eine Frau aus Texas zaubert Folk: Short, Sharp, Shocked

1988, die schmale Texanerin Michell Shocked betritt die Bühne und zaubert eine Platte mit folkigen Protestsongs aus dem Hut: „Short, Sharp, Shocked“. Der radiotaugliche Song hieß „Anchorage“, war wohl auch in den Hitparaden. Doch auch die anderen Songs der Platte waren gut komponierte kleine Geschichten: „Memories of East Texas“ ein melancholisches Lied über die Highways, „V.F.D.“ ein Lied über einen Kinderstreich, der aus dem Ruder läuft und ein Feld in Brand setzt. Der letzte Song, ein hidden track, „Fogtown“ zeigt die anderen Wurzeln der Michelle Shocked, der Punkrock, aufgenommen mit DMC in voller Lautstärke.

Der mit Abstand beste Song der Platte war „Graffiti Limbo“: Hier setzt Michelle Shocked dem Graffiti Künstler Michael Stuart, der im Polizeigewahrsam umkommt, ein Denkmal. Hier singt sie sich im Stil des frühen Bob Dylans all ihren Zorn über die korrupte gewalttätige und rassistische Polizei von der Seele, ein zeitloser Protestsong, der bis heute nachwirkt, denn Polizeigewalt gegen Schwarze ist aktueller denn je in den USA. Michelle Shocked hat deutliche gemacht, auf welcher Seite sie steht.

Danke für die Erinnerung @hotfox63

The Sound of Independence (6): Poems for Laila, Musik und Budenzauber!

Die erste Platte der Band 1989 war ein Ausrufungszeichen: Eine leicht schräge Mischung aus, Punkrock, osteuropäischer Folklore, amerikanischem Chanson und Pop machten den Charakter der ersten Platte „Another Poem for the 20th century“. Die Musik von Poems for Laila wird getragen und geprägt von der samtenen Stimme von Nicolai Tomás, dem charismatischen Frontman der Band. Gleichzeitig ist es sein Songwriting, das die Band wiedererkennbar macht. Zu Beginn war seine Duett-Partnerin die Amerikanerin Melissa Lou, die dem Sound eine Balance gab. Sie verließ die Band jedoch leider früh. Einerseits waren Poems for Laila von Anfang an eine für die Indie-Szene ungewöhnliche Band, die nicht so recht in das linkspolitische Spektrum der Szene passen wollte. Andererseits war es eine Band, die zunächst aus der Indiependent-Szene kam.

Die bunte Mischung, die die Band von Anfang an darbot, war einerseits gefällig. Die Arrangements waren gut, fast perfekt und zum Pop jederzeit anschlussfähig. Andererseits ist Poems for Laila für den Mainstream zu wild und kompliziert. Die Platten sind immer angesiedelt zwischen Konzertsaal und Kleinkunstbühne, aber man sich eine Platte der Band auch gut in einem Zirkus vorstellen, die Musik passend zur Artistik auf dem Hochseil.

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The Sound of Independence (5): Phillip Boa and the Voodooclub, Meister des Indierock

Phillipp Boa ist der selbst ernannte Großmeister des Indierock: Mit Pia Lund und der Band Vodooclub war Boa musikalisch immer eine ganz eigene Klasse. Kommerziell war Phillip Boa & the Vodooclub in den 1990er Jahren der wohl erfolgreichste Outcome der Indieszene, gemeinsam vielleicht mit Sven Regners Element of Crime. Seine Musik, seine Auftritte und seine Videos waren ein bowiehaftes Spiel mit Rollenerwartungen, sein ganzes Auftreten spielte irgendwas zwischen Schüchternheit, Arroganz und Exzentrik, etwas, was über den engen Rand des Musikbusiness hinausreichte. Der Anspruch war, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, ähnlich vielleicht nur noch den Einstürzenden Neubauten – aber wer will die schon hören. Im Gegensatz zu anderen war Boa in der Lage, nach der Wiedervereinigung, als eigentlich Rave und Techno die Trends setzten, die Hamburger Schule reüssierte und das Interesse an schrammeligem Gitarrenrock deutlich nachließ, seine Musik für einige Jahre im Mainstream zu platzieren, immer auf der Suche zwischen Punkrock, Kommerz und Kunst, auf einem schmalen Grat zwischen künstlerischer Entwicklung und dem Verrat an sich selbst.

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M. Walking On The Water: Dogma 13 oder des Wesens Kern

M. Walking On The Water haben mit „Dogma 13“ eine neue Platte rausgebracht, auf der sie akustische Coverversionen ihrer eigenen, sowie zwei fremder Songs eingespielt haben. Die Band um Songschreiber Markus Maria Jansen und Mike Pelzer (hier mein Bandportrait von letztem Jahr) waren immer Grenzgänger zwischen Folk, Rock und Punk, aber mit dieser Platte findet eine elegante Rückbesinnung auf den Kern ihrer Musik statt, den Folk. Um allerdings einem Missverständnis vorzubeugen, eine reine Folkplatte ist das auch nicht, denn die Stilrichtungen auf ihr sind vielseitig und gehen vom Rock bis hin zur minimalistischen Musik in der Klassik.

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The Who 1964: Zoot Suit

„Zoot suit“ von den „The High Numbers“ ist einer meiner most favourite songs. Ein schönes Beispiel für den Beat der frühen 60er Jahre, der bei the Who immer mit stylischem Auftreten zusammen ging. Die Band war stilprägend für die Mods, so etwas wie die Hipster der 1960er Jahre. Ähnlich wie die Beatles, haben The Who am Anfang Ihrer Karriere den Bandnamen öfter gewechselt, daher läuft der Song noch unter The High Numbers. Dieser Hit war der Beginn einer krachend lauten Karriere von Pete Townshend, Roger Daltrey, John Entwistle († 2002)) und Keith Moon († 1978). Well done!

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The Sound of Independence (4): Ferryboat Bill, die Jungs von unter Deck, aus dem Maschinenraum

Stilistisch könnte man die Musik von Ferryboat Bill als Mischung von Hardcore Punk, Gitarrenrock, Western und Bluesrock bezeichnen. Das Ergebnis dieser Mischung klingt nach Maschinenraum, nach Südstaaten oder Ruhgebiet, je nachdem, und nach jede Menge Kohle und ehrlichem Schweiß. Hier spielen noch echte Jungs von unter Deck, direkt aus dem Maschinenraum.

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Adieu Kumpan, Franz Josef Degenhardt!

Dort im Südrandkrater, hinten an der Zwischenkieferwand… Burg-Waldeck 1966

Wenn ich diese Bilder sehe, bekomme ich eine Gänsehaut! Mit Franz Josef Degenhardt ist am 14.11.2011 ein ganz großer Liedermacher, Dichter und ein politisch streitbarer Geist der alten Bundesrepublik Deutschland gestorben. Ich möchte einen Augenblick inne halten, weil es für mich eine Zäsur ist.

Franz Josef Degenhardt habe durch ein Liederbuch kennen gelernt, „Wölfe Mitten im Mai“. Die erste Platte, die ich irgendwann nach 1990 geschenkt bekam, war „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (1965), kurz darauf „Wenn der Senator erzählt“ (1968). Und trotz des damaligen zeitlichen Abstands von 25 Jahre war der Geist dieser Platten für mich sofort zu erkennen: Das war utopische Kunst, Vision, bissige Satire und geistige Opposition.

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Shiny Gnomes – Searchin‘ for Capitola

Die Shiny Gnomes aus Nürnberg haben im November eine neue CD herausgebracht, die es in sich hat. Die Band hat wohl im letzten Jahr ihre Wurzeln neu vermessen und herausgekommen ist ein Meisterwerk! Wie bereits in meinem Blogbeitrag vom 18. August 2017 beschrieben hat die Band in den letzten Jahren eine Umbesetzung vorgenommen, ihre Aktivitäten verstärkt und zu neuer Kreativität gefunden. Bereits die vorherige CD war gelungen, diese hier ist außergewöhnlich gut! Was gute Tonträger ausmacht ist eine durchgängig hohe Qualität der Songs: Ein bis zwei Hits kriegen viele Bands hin, aber häufig fällt die Qualität von CDs bei den sonstigen Songs stark ab.

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Das Pavel Haas Quartett in Göttingen: Gesang, Dynamik und Leidenschaft

Am Sonntag, 19.11.2017 gastierte das Pavel-Haas-Quartett gemeinsam mit dem Pianisten Boris Giltburg in Göttingen in der Aula am Wilhelmsplatz. Die Kammermusikalische Gesellschaft e.V. hatte im Rahmen ihres diesjährigen Brahms-Zyklus eingeladen. Auf dem Programm standen in der ersten Hälfte das Rosamunde-Quartett in a-Moll (D 804) von Franz Schubert von 1824, das Quartett Nr. 7 in fis-Moll (Op. 108) von Dimitri Schostakowitsch (1960). In der zweiten Hälfte wurde das Quartett durch Boris Giltburg ergänzt und das Ensemble spielte das Klavierquartett in f-Moll (Op. 34) von Johannes Brahms von 1865.

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The Sound of Independence (3): Tom Liwa und die Flowerpornoes

Kommen wir zu Tom Liwa und den Flowerpornoes: Die Band hat sich auch 1985 gegründet und ich weiß auch, dass sie irgendwann 1987/88 mal in Marburg gespielt haben, allerdings vor meiner Konzertbesucher-Zeit. Die Flowerpornoes machten Gitarren-lastige Musik, teils sehr schrammelig, teils mit souligen Bläser-Arrangements, die gut klingen. Aber das Besondere sind die deutschen Texte: Die Gruppe vollzog den Schritt zu den deutschen Texten recht früh in den späten 1980er Jahre und waren mit Element of Crime Vorreiter. Tom Liwa ist Lyriker und man könnte die Flowerpornoes auch als die Literaten unter den deutschen Indiebands der 80er bezeichnen – vielleicht neben Regners’ Element of Crime.

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