The Sound of Independence (4): Ferryboat Bill, die Jungs von unter Deck, aus dem Maschinenraum

Stilistisch könnte man die Musik von Ferryboat Bill als Mischung von Hardcore Punk, Gitarrenrock, Western und Bluesrock bezeichnen. Das Ergebnis dieser Mischung klingt nach Maschinenraum, nach Südstaaten oder Ruhgebiet, je nachdem, und nach jede Menge Kohle und ehrlichem Schweiß. Hier spielen noch echte Jungs von unter Deck, direkt aus dem Maschinenraum.

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Liquors and Telescopes von 1988, das wohl am meisten beachtete Werk von Ferryboat Bill

Benannt nach eine Song von Velvet Underground, wird der Anspruch der Gruppe deutlich: Nicht kommerzielle Indie-Musik. Ferryboat Bill wurde 1986 von Bernd und Klaus Uebelhöde (Voc. & Git.), Christoph Többen (Bass) und Willi Henke (Drums) sowie bei den Livekonzerten häufig Wolfgang Finke (Piano) in Waltrop gegründet. Das Ganze war im Konzert sehr laut, auf der Bühne wurde geraucht, Bier getrunken, es wurde laut geflucht, wenn der Soundcheck nicht funktionierte, die Jungs hatten lange Haare und irgendwie war diese Band wild und ungezähmt. Ich habe mehrere Konzerte der Band in Marburg gesehen, so auch bei ihrem Gastspiel am 10. Dezember 1988 im KFZ in Marburg, natürlich im Rahmen der Reihe „Sound of Independence“.

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Ich war an diesem Tag etwas zu früh beim Konzertort, dem legendären KFZ. Im Innenraum machte die Band gerade ihren Soundcheck und ich wunderte mich, dass man trotz geschlossener Türen alles ganz genau hören konnte…. Zum Einspielen hatte die Band einen bestimmten Song, „Walk Away“, der entfernt an den U2-Song „Bad“ erinnert. (Genauso bei ihrem Auftritt 1990 und 1991 beim DKP-Zelt in Marburg). Und spätestens beim Hören dieses Songs war mir klar, dass mir diese Art Musik absolut zusagt, denn das war echter Rock’n Roll.

Die Platte „Liquors and Telescops“ von 1988 ist ein Meisterwerk des deutschen Indierocks. Hier hat es Ferryboat Bill vermutlich so gemacht, wie die Beatles im Herbst 1962, dass sie aufgrund knapper Studio-Zeit einfach die Songs live eingespielt haben. Allerdings wurden hier keine Band-Musiker durch Studio-Musiker ersetzt, denn das, was man auf der Platte hört, wurde im Konzert genauso präsentiert, nur eben ungefähr 50 dB lauter. Man hört geradlinigen Gitarrenrock, gepaart allerdings mit einzelnen Rückgriffen auf Western – der Vater vonUebelhöde war LKW-Fahrer und hörte gerne Country. Und trotz aller Rückgriffe auf den Punkrock, so präsentiert sich die Band gerade im Country stilsicher. Hier ein (ästhetisch gewöhnungsbedürftiges) Video des Songs „Gasonline Waltz“, der die Meisterschaft der Band im Adaptieren des klassischen Country-Genres deutlich zeigt.

Luke the Drifter“ von 1990 wurde groß angekündigt, war aber am Ende eher durchwachsen. Die Band wollte sich entwickeln und es wurde nun den üblichen Studiotechniken herum experimentiert, allerdings nicht zu Vorteil der Platte: Man hört, dass Instrumente einzeln eingespielt wurden und die Songs ergeben teilweise kein ganzes mehr. Trotzdem findet man auch auf dieser Platte wundervolle Songs, wie z.B. „Luke the Drifter“ oder das auf einer Single herausgebrachte „Parentship“. Trotzdem fallen hier Punk und Country, die vorher 1988 noch eine Einheit bilden, stilistisch auseinander. Aber auch diese Platte ist eine Empfehlung für Liebhaber des Bluesrock!

1991 gab es einen Auftritt in der Sendung „Live aus dem Schlachthof“ beim Bayrischen Rundfunk mit der jungen Sandra Maischberger als Moderatorin (- man beachte das Brillengestellt!) Auf Youtube kann man das nach sehen und man wundert sich über die Band, die mit dem Medium TV nichts anfangen konnte. Die Musiker wirken auf der Bühne steif und introvertiert, und der Song („Luke the Drifter„) ist für ein breites Publikum eher ungeeignet, auch wenn die Freunde des Bluesrock auch diesen Song sehr mögen. Völlig deplaziert war die Anmoderation von Maischberger, die offensichtlich selbst Probleme hatte, diese Band richtig einzuordnen.

Die vierte und letzte Platte, „Bricks like These“ treibt den Sound der Band auf die Spitze. Insgesamt ist nur „Liquors and Telescopes“ so durchgängig gut, die anderen Platten fallen etwas ab. Trotzdem ist es extrem schade, dass diese Band aufgehört hat! Bernd Uebelhöde hatte in den 1990er das Folk-Duo „Sons of Jim Wayne“ am Laufen, das ab und an Konzerte gibt. Leider ist auch diese Band etwas in der Versenkung verschwunden und man kann die Platten nicht auf iTunes kaufen. Das folgende Video handelt über Bernd Uebelhöde und seine Folkband „Sons of Jim Wayne„:

Liebe Bandmitglieder von Ferryboat Bill, wenn Ihr das lest und Lust habt, meldet Euch mal und ergänzt den Text oder sagt, an welchen Projekten ihr gerade arbeitet. Eure Songs bedeuten mir etwas und es gibt vermutlich im Untergrund viele Fans Eurer Platten, die gerne wüssten, ob und wo ihr aktiv seid!

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Adieu Kumpan, Franz Josef Degenhardt!

Dort im Südrandkrater, hinten an der Zwischenkieferwand… Burg-Waldeck 1966

Wenn ich diese Bilder sehe, bekomme ich eine Gänsehaut! Mit Franz Josef Degenhardt ist am 14.11.2011 ein ganz großer Liedermacher, Dichter und ein politisch streitbarer Geist der alten Bundesrepublik Deutschland gestorben. Ich möchte einen Augenblick inne halten, weil es für mich eine Zäsur ist.

Franz Josef Degenhardt habe durch ein Liederbuch kennen gelernt, „Wölfe Mitten im Mai“. Die erste Platte, die ich irgendwann nach 1990 geschenkt bekam, war „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (1965), kurz darauf „Wenn der Senator erzählt“ (1968). Und trotz des damaligen zeitlichen Abstands von 25 Jahre war der Geist dieser Platten für mich sofort zu erkennen: Das war utopische Kunst, Vision, bissige Satire und geistige Opposition.

Die Liedermacher-Karriere des Dr.jur. Degenhardt, der an der Universität Saarbrücken habilitiert, beginnt mit der Platte „Rumpelstilzchen“ (1963), einer utopischen Deutung des Märchens. Das Rumpelstilzchen ist der kleine Bösewicht, der überall das letzte Wort hat und die Gesellschaft mit Schadenfreude untergräbt. Und in der Dritten Strophe geht der Blick nach außen, an die Ränder der Gesellschaft: Am Bahndamm bauen Kinder ihre Höhlen, weil sie sich nicht nach Hause trauen. Hier weht der Wind durch tote Autos und der bucklige Oskar, wenige Jahre zuvor von Günter Grass erst erschaffen, schlägt die Trommel. Das ist als Lied großartig. Die Platte enthält einige solcher Bänkelsang-artige Lieder, die jedoch immer leicht ins utopische und absurde abdriften. Bereits auf der zweiten Platten „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ zeigen einige Lieder, in welche Richtung es geht: nach Links. „Wölfe Mitten im Mai“ ist als Vision der Rückkehr der Nazis aktueller denn je, mit „ein schönes Lied“ schreibt Degenhart bereits früh gegen das Morden im Vietnamkrieg und wird zur Ikone der 1968er. Trotzdem sind die ersten zwei Platten von Poesie geprägt.

Doch während das radikal Politische am Anfang seiner Liedermacher-Karriere subtil daher kommt und vor allem von geistiger Opposition geprägt ist, jedoch ohne feste Richtung, wird Degenhardt mit der Platte „Väterchen Franz“ (1966) viel deutlicher. Das subtile wird weniger, die Texte gewinnen an Schärfe, zunächst nicht zum Nachteil. Denn auch seine Poesie ist dicht, gerade auf der „Väterchen Franz“-Platte, etwa im Lied „Umleitung“ oder „Spaziergang„. In „Feierabend“ skizziert er bereits 1966 den Amoklauf, den die RAF wenige Jahre später in die Tat umsetzt. „Diesmal, Lodenröck, dieses mal da lauern wir…„, hier spricht nicht nur Zorn auf die verkrusteten Verhältnisse, sondern auch ein Gefühl der Macht- und Aussichtslosigkeit, das sich in die Gewalt Bahn bricht. Und doch ist alles poetisch überzeichnet, immer fliegen auch Mauersegler durch seinen Lieder, man kann diese Lieder stets als Gleichnisse oder Utopien hören. So in den „Guten alten Zeiten„, ein Gleichnis auf die gute alte Nazi-Zeit, humoristisch, scharf,  absurd und doch voller zarter Poesie.

Von 1966 stammt auch der Ausschnitt aus Youtube, in dem Degenhardt 1966 auf dem legändären Festival auf der Burg Waldeck von die „Guten alten Zeiten“ besingt. Immer an der Grenze zwischen Protest und satirischer Überzeichnung. 1967 und 1968 tritt er mit Wolfgang Neuss, Hans-Dieter Hüsch, und Dieter Süverkrüp als „Quartett 67“ auf, eine deutsche Variante des Million-Dollar Quartetts. Degenhardt liefert mit seinen Liedern einen Teil des Soundtracks der 68er. Und dann der „Senator“ im Protestjahr: Mit seinem „2.Juni 1967“ spricht er Klartext zu den Schah-Demonstrationen in Berlin. Im „Senator“ und dem „Notar Bolamus“ sind die Typen aus der Adenauer-Ära, die auch nach 1945 zu leben und überleben wissen, und denen es dabei auch noch gut geht. Schließlich „Wo sind Eure Lieder?

Wo sind Eure Lieder?

Wo sind eure Lieder,
eure alten Lieder?
fragen die aus anderen Ländern,
wenn man um Kamine sitzt,
mattgetanzt und leergesprochen
und das high-life Spiel ausschwitzt.

Ja, wo sind die Lieder,
unsre alten Lieder?
Nicht für’n Heller oder Batzen
mag Feinsliebchen barfuß zieh’n,
und kein schriller Schrei nach Norden
will aus meiner Kehle flieh’n.

Tot sind uns’re Lieder,
uns’re alten Lieder.
Lehrer haben sie zerbissen,
Kurzbehoste sie verklampft,
braune Horden totgeschrien,
Stiefel in den Dreck gestampft.

Das Deutschland von 1968 ist eine geistig immer noch ausgebombte Kulturnation. Das zerstörerische Werk der Nazis wirkt weiter fort, die alten Lieder wurden im Dritten Reich von der Hitler-Jugend missbraucht, das Volksliedgut der Wandervögel ist nachhaltig diskreditiert. Degenhardt sieht sich (wie andere auch) als ein Aufbauhelfer einer neue, authentischen Liedkultur. Es soll ein neuer, deutscher Folksong entstehen, wie es ihn in den USA gibt und die Treffen dieser Bewegung finden auf der Burg Waldeck statt. Aber auch das neue politische Lied möchte Degegenhardt aufbauen, Lieder die soziale Missstände ansprechen. 1968 ist er mit dieser Haltung wahrscheinlich ganz nah am Zeitgeist.

Doch der Senator von 1968 ist auch ein Wendepunkt, künstlerisch gesehen, denn etwas geht in diesem Jahr verloren. Die Platte das „Jahr der Schweine“ (1969) kurz darauf, ist aggressiv, düster und den Liedern fehlt auf einmal die künstlerische Leichtigkeit, die sein Werk vor 1968 kennzeichnen. Man mag über die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerer“ (1972) schmunzeln, auch dieses Lied trifft den Punkt und wird von über 50jährigen als wichtig beschrieben. Und doch fehlt den Liedern auf einmal das Utopische, die Leichtigkeit der früheren Lieder. Merkwürdigerweise… Die Botschaft wird wichtiger, die Kunst verschwindet. Inzwischen gibt es in seinen Liedern mehr Kampf als Utopie.

In dieser Phase,  1971 wird Degenhardt aus der SPD ausgeschlossen und später dann der Eintritt in die DKP, der SED-Aussenstelle West. Konsequenterweise kommt seine Affinität zur DDR hinzu, was ihm viele Undogmatischen verübeln. Sein allzu lautes Lob der DDR-Führung zur Ausbürgerung Biermanns aus der DDR im Nov. 1976 ist dazu passend. Sein poetisches Können blitzt nur noch manchmal auf, etwa im „Winterlied“ von 1979. Der Wind hat sich gedreht im Land und Degenhardt wird mit seiner ewig-treuen Haltung zur DKP langsam zum Auslauf-Modell. Seine späteren Platten sind für mich merkwürdigerweise überhaupt nicht mehr interessant, was offenbar auch anderen so geht, siehe sie Besprechung seines Werke von Klaus-Peter Klingelschmitt in der taz vom 16.11.2011 (http://www.taz.de/!81974/). Ein treffender Nachruf kommt von Ulrich Greiner in ZEIT Online (http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-11/degenhardt-nachruf/komplettansicht).

Und am Ende werden doch viele seiner frühen Lieder bleiben. Adieu Kumpan!

(Die erste Version dieses Textes wurde am 18.11.2011 auf meinem Agrarpolitik-Blog veröffentlicht. Zeit den Text mit kleinen Veränderungen hierher umzuziehen!)

Shiny Gnomes – Searchin‘ for Capitola

Die Shiny Gnomes aus Nürnberg haben im November eine neue CD herausgebracht, die es in sich hat. Die Band hat wohl im letzten Jahr ihre Wurzeln neu vermessen und herausgekommen ist ein Meisterwerk! Wie bereits in meinem Blogbeitrag vom 18. August 2017 beschrieben hat die Band in den letzten Jahren eine Umbesetzung vorgenommen, ihre Aktivitäten verstärkt und zu neuer Kreativität gefunden. Bereits die vorherige CD war gelungen, diese hier ist außergewöhnlich gut! Was gute Tonträger ausmacht ist eine durchgängig hohe Qualität der Songs: Ein bis zwei Hits kriegen viele Bands hin, aber häufig fällt die Qualität von CDs bei den sonstigen Songs stark ab.

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Searchin‘ for Capitola ist dagegen eine Ansammlung von durchweg sehr gut komponierten Songs. Die Band hat ihren Sound zwar nicht großartig verändert, aber die Idee, den Garagenrock der Sixties, Psychedelic und Folk zur Stilrichtung Psycho-Pop zu verbinden kommt noch besser auf den Punkt: Auf dieser CD ist gerade in den Keyboard-Sequenzen der Sound der frühen Pink Floyd hörbar, wir sehen im Hintergrund Emily beim Spielen zu. Aber weil es Psycho-Pop ist, kommen diese Soundelemente subtil, unprätentiös und ohne das überdrehte Pathos von Cream oder Emerson Lake and Palmer daher. Treffend ist insofern auch die Liedzeile im Song „For us“: „We’re into music, we’re into sound!“ Gerade an der genauen Abstimmung von breit angelegten Keyboard-Sequenzen und rhythmischen Bass-Schlagzeug-Kombinationen ist dies gut hörbar. Sehr schön sind auch die fluffigen Beats in „World of their own“ oder das kontemplative „Rivers and mountains”.

Auf dieser CD sticht trotzdem ein Song heraus, gerade aufgrund seiner textlichen Qualität. „Feel like starting again“ ist zunächst oberflächlich betrachtet ein Song über eine Wanderung und einen Neuanfang:

I went up the highest mountain // like a bird I flew in the sky

Vom Berg aus hat man den besten Überblick über das Tal oder das eigene Leben.

I believed in magic and romance

ist Zusammenfassung der bisher gültigen Glaubenssätze. Aber man könnte auch fragen, wieviel davon trägt über die Jahre? Es geht hier um einen Neuanfang, daher binden wir die Schuhe und wandern entlang an einem matschigen Fluss in das Tal, in dem dann nicht mehr die klare Schönheit der Berggipfel dominiert, sondern in dem eine Hütte mit kaputten Türen und Fenstern wartet.

Das ist schon ein starker Text, dieser Song erinnert mich entfernt an Hermann Hesses Siddhartha. Es geht um das Prinzip des Neuanfangs und natürlich ist der Text auch als spirituelle Wanderung lesbar, allerdings ohne jede aufdringliche Esoterik. Musik und Text sind in diesem, wie auch in den anderen Songs auf das Wesentliche reduziert und angenehm hörbar. Die ganze CD ist auch ein Dokument des guten Songwritings von Sänger Limo.

Fazit: Die Band hat sich selbst übertroffen und eine ihrer besten CDs aufgenommen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese CD in den nächsten Monaten auch über den festen Kern der Fans hinaus für Aufsehen sorgen wird. Insofern Leute, greift zu! Ihr verpasst sonst etwas.

PS: Die Serie „Sound of Independence“ geht demnächst weiter, die Texte für die nächsten Indie-Bands sind bereits skizziert, im Laufe des Dezember werde ich weitermachen.

Die CD ist erhältlich:

Das Pavel Haas Quartett in Göttingen: Gesang, Dynamik und Leidenschaft

Am Sonntag, 19.11.2017 gastierte das Pavel-Haas-Quartett gemeinsam mit dem Pianisten Boris Giltburg in Göttingen in der Aula am Wilhelmsplatz. Die Kammermusikalische Gesellschaft e.V. hatte im Rahmen ihres diesjährigen Brahms-Zyklus eingeladen. Auf dem Programm standen in der ersten Hälfte das Rosamunde-Quartett in a-Moll (D 804) von Franz Schubert von 1824, das Quartett Nr. 7 in fis-Moll (Op. 108) von Dimitri Schostakowitsch (1960). In der zweiten Hälfte wurde das Quartett durch Boris Giltburg ergänzt und das Ensemble spielte das Klavierquartett in f-Moll (Op. 34) von Johannes Brahms von 1865.

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Das Pavel Haas Quartett mit Boris Giltburg in der Göttinger Aula am Wilhelmsplatz

Das Pavel Haas Quartett war bereits am 16. November 2014 in Göttingen aufgetreten und hat sich seither weiterentwickelt. Die technische Brillanz in allen Stimmen sind heutzutage geradezu Voraussetzung für eine internationale Karriere und hier hat das Quartett alle Voraussetzungen. Aber das besondere des Quartettes ist der sehr homogene Klang und die Ruhe und Meisterschaft, mit der das Ensemble etwa das Rosamunde Quartett darbietet. Das Quartett von Schubert ist wohl eines der populärsten Stücke der Kammermusik-Literatur, das durch für Schubert ungewöhnlich heitere und lyrisch-gesangliche Passagen gekennzeichnet ist. Ein solches Stück birgt immer die Gefahr, dass viele Zuhörer es kennen und umso genauer zuhören. Eine mittelmäßige Darbietung kann sich so sehr schnell zum Nachteil für die Künstler entwickeln.

Nicht so beim Pavel Haas-Quartett: Die Darbietung geriet absolut überzeugend. Gerade die lyrischen, gesanglichen Passagen interpretiert das Quartett mit der besonderen Gabe, etwa kurze Tempoverschleppungen und -verschärfungen oder auch Crescendi unter der Führung von den beiden Violinen Veronika Jarusková und Marek Zwiebel mit großer Präzision und Souveränität zu spielen. Die musikalische Interpretation ist von traumwandlerischer Sicherheit. Im dritten Satz zeigte das Quartett, dass es auch leise mit unglaublicher Präzision spielen kann und trotzdem am tänzerischen Charakter des Satzes nichts verloren geht. Hier arbeiteten die Stimmen mit der Präzision eines Uhrenwerk, bei alle Rädchen perfekt ineinander greifen. In Schuberts Stück ist jeder Takt durchgearbeitet und so wird dieses Stück zu einer präzisen und hochwertigen Darbietung.

Interessant an Schuberts Quartett ist, dass man auch in diesem Stück an einigen Stellen trotz der optimistischen und lyrische Gesamtstimmung einige düstere Andeutungen in der Cellostimme hört, die ähnlich wie z.B. im Klaviertrio in Es-Dur einen Halbton über dem Grundton des Quartettes liegen und vom Cello als Solo intoniert werden. Sie werden mitunter als Andeutungen von Todessehnsucht interpretiert. Das Quartett arbeitet auch die düsteren Stellen heraus und wird so dem Charakter von Schuberts Quartett mehr als gerecht.

Und das geht mit dem sehr kurzen Quartett Nr. 7 von Schostakowitsch so weiter: Doch dieses Stück kommt unterkühlt daher. Gerade der erste Satz ist mit unglaublicher Präzision und Energie gespielt. Liegende Töne werden ohne Vibrato gespielt und erzeugen durch Sekunden und Septimen eine Spannung, die auch Schostakowitsch’ innere Konflikte mit dem KP-Regime in Moskau reflektiert. Auch die tänzerischen Passagen sind gelungen, allerdings kommt hier keine besondere Heiterkeit auf. Diese Passagen sind durchaus als zynische Allegorien an die kommunistische Volkskunst gemeint und werden vom Quartett humorlos und in sachlicher Kälte dargeboten. Hierzu lassen die Violinen ihr Vibrato weg, auch bei langen Liegetönen und die Strichführung ist ganz nach russischer Schule hart und mit Druck. In dem Quartett von 1960 beklagt Schostakowitsch auch den Tod seiner Frau Nina sechs Jahre zuvor und in den ruhigen Passagen kommt diese Trauer zum Ausdruck. Auch in dem zweiten Stück hat das Quartett sehr präzise an der Interpretation gearbeitet und es wäre ein Hochgenuss, dieses Stück auf CD zu hören.

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Das Pavel Haas Quartet mit Boris Giltburg (Pressefoto)
Photo: Marco Borggreve

Während das Quartett vor der Pause vor allem durch präzise Musikalität zu überzeugen weiß, so zeigt das Pavel-Haas Quartett nach der Pause beim Klavierquartett von Johannes Brahms seine Dynamik, Energie und Leidenschaft. In diesem Stück kommt mit dem Pianisten Boris Giltburg ein weiterer Künstler hinzu, allerdings harmonieren die Künstler auch hier. Giltburg passt sich perfekt ein und der Cellist Peter Jarusek hat jetzt seine große Stunde und kann mit seinem Instrument, das (trotz eines Wolfes..) einen warmen und runden Klang ausbreitet, das Bindeglied zwischen Quartett und Pianisten spielen. Ich habe selten jemanden so überzeugend und musikalisch die Pizzikati gestalten gehört: Hier gibt Jarusek den Takt vor und selbst in den einzelnen Noten lebt Musik. Allein das war den Besuch wert. Die Solopassagen von dem seit 2017 neuen Bratscher im Quartett, Radim Sedmidubsky sind ebenfalls überzeugend.

Es ist bei diesem Stück insgesamt erstaunlich, wie laut ein Quartett mit einem Klavier in der trockenen Göttinger Aula klingen kann: In den rhythmischen Passagen des Stücks (lt. Programmheft „dramatische Wucht“) geht eine unglaubliche Dynamik von dem Ensemble aus. Aber auch im Forte ist das Ensemble sehr präzise, mit einigen wenigen Ausnahmen: Manche Tempoverschleppungen der ersten Violine, die in der ersten Hälfte so überzeugend waren, passen hier an einigen Stellen nicht so ganz und wirken dann teilweise etwas unpräzise. Aber das fällt am Ende kaum ins Gewicht. Es gab viel Applaus und der Kammermusikalischen Gesellschaft ist es erneut gelungen, einen Abend mit Weltklasse-Künstlern zu organisieren. Ich hoffe, dass wir in Göttingen weitere Konzerte mit dem Pavel-Haas-Quartett erleben dürfen.

The Sound of Independence (3): Tom Liwa und die Flowerpornoes

Kommen wir zu Tom Liwa und den Flowerpornoes: Die Band hat sich auch 1985 gegründet und ich weiß auch, dass sie irgendwann 1987/88 mal in Marburg gespielt haben, allerdings vor meiner Konzertbesucher-Zeit. Die Flowerpornoes machten Gitarren-lastige Musik, teils sehr schrammelig, teils mit souligen Bläser-Arrangements, die gut klingen. Aber das Besondere sind die deutschen Texte: Die Gruppe vollzog den Schritt zu den deutschen Texten recht früh in den späten 1980er Jahre und waren mit Element of Crime Vorreiter. Tom Liwa ist Lyriker und man könnte die Flowerpornoes auch als die Literaten unter den deutschen Indiebands der 80er bezeichnen – vielleicht neben Regners’ Element of Crime.

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Die Platte „Ich & Ich“ von 1996 war die CD, durch die ich auf die Texte Liwas aufmerksam wurde. Und eigentlich war es mehr der Sampler 32 aus dem Magazin Musikexpress von 1998, auf dem sich eine bis heute unschlagbare Mischung von Songs der zwei Indie-Labels Clearspot und Moll befand. Und der beste unter ihnen, ganz ehrlich!, war „Ich will immer irgendwohin“. Das war für viele Jahre der einzige Song, den ich von Liwa überhaupt kannte und gleichzeitig einer meiner Lieblingssongs bis heute.

Der Song ist eine gute Mischung aus Gitarrenrock aufgemischt mit einem soulmäßigen Bläsersatz. Schön und gut, aber gerade bei diesem Song ist das Besondere der Text, der so gnadenlos-ehrlich eine typische Beziehungsgeschichte aus den 90er Jahren schildert. Der Liedermacher besucht eine Freundin, die über sich selbst und ihre neue (alte) Beziehung berichtet. Wir sehen auf der einen Seite das alte Denken, Ideologie und die guten Gespräche, auf der anderen Seite den neuen Pragmatismus, den Beruf und den guten Sex. Und die Frau hat sich für den Pragmatismus und gegen die guten Gespräche entschieden. Wow, das ist hart, aber so waren die 1990er Jahre! Das Lied beginnt sehr direkt mit den brutal-ehrlichen vier Zeilen:

Sie sagt ich bin jetzt wieder// Zusammen mit meinem Ex// Manchmal fehlt mir der intellektuelle Scheiß// Dafür hab‘ ich wieder Sex

Und der ganze Song geht gerade so weiter, und mir war beim ersten Hören klar: Das ist textmäßig ungefähr fünf Etage zu ehrlich, zu klug und zu kompliziert für den ganz großen Verkaufserfolg im Pop-Geschäft. Und genau deshalb liebe ich diesen und andere Texte so, denn sie gehören eigentlich zwischen zwei Buchdeckel. Liwa ist in bestem Sinne Lyriker, der in dem Song bereits eine kluge Selbstbeschreibung gibt:

Landauf landab die Leute zu beglücken// Mit meinen traurigen, traurigen Stücken// Doch mit dem über Dich bin ich noch lange nicht fertig// Ich schreib seit Jahren dran// Aber irgendwie komm’ ich nicht an

Die Vergeblichkeit, mit diesen Texten den ganz großen Verkaufserfolg zu landen, muss ihm bewusst gewesen sein. Und es war und ist ihm vermutlich nicht wichtig, sondern er ist ein kompromissloser Künstler, vielleicht der Unabhängigste von den hier besprochenen Independent-Musikern. Liwa steht in meinen Augen auch in der Tradition der Liedermacher und das zeigt sich, wenn man „Ich & Ich“ von vorne bis hinten hört. So ist „Respekt“ eine schöne Allegorie, bei der man nie weiß, ob es um den Begriff geht, oder um eine politisch korrekte Frau. Wahnsinn! Eines der großartigen Stücke auf dieser CD ist auch „Sweet Thing“:

 

Der Song ist zunächst eine Cover-Version von Van Morrison. Doch wie so häufig, entwickelt eine Cover-Version ihr Eigenleben. Natürlich sind viele Zeilen aus dem englischen übertragen. Aber am Ende steht ein Text, der weitaus besser ist als das Original. In dem Song treffen wir den Geschichtenerzähler Liwa, der uns auf eine Reise führt: „Ich werd‘ den alten Weg lang schlendern„. Das klingt erst euphorisch, überglücklich: „He, ich bins, ich steh vorm explodieren!“ Nach dem Ende des ersten Stückes, nach einigen Leerminuten, wird ein zweites Stück angehängt, auf dem Liwa sich auf eine surreale Schatzsuche begibt – und spätestens das hat wirklich nichts mehr mit Van Morrison zu tun. Das ist wirklich ganz große und eigenständige Erzählkunst in Songform, nur eben für ein bereits Publikum wohl leider auch zu sperrig.

Trotzdem bringt Liwa auf dieser Platte das Lebensgefühl der 1990er Jahre auf den Punkt und die Texte sind teilweise eine gute Zustandsbeschreibung der Postmoderne, in der die Generation der Jahrgänge 1970-1980 im wiedervereinigten Deutschland alles mit Ironie und Distanz betrachten und bei jedem Projekt einen doppelten Boden oder ein Haar in der Suppe finden. Viele dieser Entwicklungen kennen heute vielleicht, aber 1996 war das keineswegs so ganz klar. Doch Liwa beobachtete diese Entwicklungen bereits sehr früh und berichtete davon in seinen Texten.

Wie die anderen Band dieser Textreihe „Sound of Independence“ war und ist auch Tom Liwa in den letzten Jahren wieder recht aktiv gewesen, auch wenn sich vieles davon noch etwas unter der kommerziellen Wahrnehmungsschwelle befindet. Doch für einen WDR-Bericht reicht es. Aber das ist umso wertvoller: Liwa hat uns als kritischer Zeitgenosse etwas mitzuteilen und macht hierbei keine Kompromisse mehr. Er ist auch jemand, der sich den Mechanismen des Musikbusiness nie anpassen wollte und will, sondern sie aus einem Abstand heraus politisch reflektiert – und hier an die Debatten der 1980er Jahre anknüpft, die über die Jahre verloren gegangen sind.

Auch bei Liwa kann man die späte Meisterschaft beobachten: Besonders beeindruckt mich sein Song „Dein Wille geschehe“ von 2012:

Dein Wille geschehe// Dein Wille allein// Lass die Dinge entstehen// Und dann lass sie sein

Es ist zunächst mutig, eine Zeile aus dem Vater Unser als Songtitel und Refrain zu verwenden, doch dieses Risiko geht in dem Song auf wunderbare Weise auf. Wenn meine Kinder ein Lied spontan mögen, dann ist dies für mich zunächst ein großes Prädikat, das idR. nur die Beatles und ganz wenige andere Künstler erreichen. Bei diesem Lied war es so!

Auch dieser Song ist eine verkrachte Liebesgeschichte. Der Erzähler trauert jemandem nach, doch die Haltung des Erzählers ist eine spirituell-gelassene: Die Person, der er nachtrauert, lässt er los, gerade weil er sie liebt. Und doch kommt diese Spiritualität nicht esoterisch-aufdringlich daher, sondern im Gegenteil, sie erschließt sich erst subtil und bei mehrfachem Hören.

Solche Songs kann man vermutlich erst in einem bestimmten Alter schreiben. Und ähnlich wie bei den Kollegen der Shiny Gnomes und M. walking on the water erreicht Liwa mit den Jahren eine späte Meisterschaft. Ich kenne wie gesagt nur einen Teil von Liwas Texten, insofern sind dies nur meine Gedanken zu dem was ich kenne. Wer ergänzen oder widersprechen mag, sehr gerne! Für mich sind diese Lieder ganz feine Poesie und allein für den Song „Dein Wille geschehe“ muss man Tom Liwa einfach gern haben!

Wer mag, Liwa hat auch eine Facebook-Seite: https://www.facebook.com/TomLiwaMusik/

The Sound of Independence (2): M. Walking On The Water aus Krefeld

M. Walking On The Water, 1985 gegründet von Markus Maria Jansen und Mike Pelzer in Krefeld, sammelte erste Erfahrungen mit Strassenmusik und im Rahmen von Kleinkunst-Theatern. Auf den ersten beiden Platten spielt die Band eine bizarre Mischung aus düsterem Folk, Psycho und wildem Punk. Am Anfang sagten noch einige Kritiker, die Ms’ seien die „deutschen Pogues“, aber dafür hatte das Projekt viel zu viel Stil und eine gehörige Portion an künstlerischen Eigensinn. Auf vielen Band-Bildern werden die Köpfe durch Balken ersetzt, eine schräge Bildsprache, die für den Eigensinn, aber auch das kreative Potenzial der Band steht.

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Foto: Zippo Zimmermann, www.designladen.com

Party in the Cemetry“ war 1986 ein Hit, „Flowers of the Gone” war eines meiner Lieblingslieder. Nicht nur The Pogues klangen durch, auch “Killing Moon” von Echo & The Bunnymen, „Dear Good“ von XTC oder die Violent Femmes. Mit der EP „The Walz“ zeigte die Band, dass sie den Dreiertakt beherrschen. Und schon auf der zweiten Platte wurde das Spektrum breiter: In „Adventures by Boat“ finden sich Anklänge an den Jazz, „Religion Guitar“ ist so düster wie „Country Dead Song“ von den Violent Femmes. Die Kombi Folk, Psycho und Punk gab es schon einige Male in den 1980er Jahren, aber M. Walking On The Water hatten bereits zu Beginn ihren ganz eigenen Stil gefunden.

Der große Sprung nach vorne war die Platte „Pluto“ von 1989, die für den deutschen Indierock stilbildend war: Das Album wurde im Musikexpress „Platte des Monats“, verkaufte sich recht gut und steht in enger Nachfolge zu den Pixies. Ein Klassenkamerad hatte „Pluto“ als CD zu Hause rumliegen, was die Vorzeichen einer Zeitenwende war: Erst der CD-Spieler, dann die Wende in Ostdeutschland im Herbst 1989 und dann die wiedervereinigte Republik, die mit einem anderen Lebensstil und ganz neue Problem kam. Trotzdem war Pluto ein Erfolg: Einige der großartigen Songs, z.B. „Soldier of Love“ spielt die Band bis heute auf ihren Konzerten. Ebenso „Party in the Cemetry“, echt wild!

Und hier sind wir dann erneut bei einer Band, die zu einem großen Major-Label wechselte – den „bösen Kapitalisten“… – denen der Wechsel mehr Geld, aber nicht den ganz großen Durchbruch brachte. Und während ich das hier schreibe, denke ich, was für ein Hybris! Welche Klischees es damals gab – zumindest aus Zuhörersicht ist das Label eigentlich zweitrangig. Allerdings waren die Pop-Retorten in den 80er Jahren noch mehr an der Tagesordnung: Die Produzenten Stock, Aitken & Waterman hatten mit einer Reihe von „Retorten-Künstlern“ wie z.B. Rick Astley Verkaufserfolge. Das waren „Künstler“, die von der Plattenfirma alles vorgelegt bekamen, inklusive der Songs und Arrangement. Kunst als massenkompatible Ware, aber in diesem Arrangement hatte der Künstler nichts mehr zu melden. Von dieser Kultur-Maschinerie setzten sich die Indie-Bands bewusst ab und versuchten über die kleinen Labels mehr Kreativität und Unabhängigkeit auf die Platten zu bringen. Andererseits ging es in den 80er Jahren darum, den Kapitalismus irgendwie zu besiegen oder zu überwinden, eine ideologische Deutung der „Alternative“-Musik-Szene, die Kunst im politischen Prozess nutzen wollte. Diese Deutung der Indie-Musik, der ich in Marburg häufiger begegnet bin, trat (zum Glück) in den 90er Jahren deutlich in den Hintergrund, selbst wenn man das Musik-Business kritische sieht.

Die Musik von M. Walking On The Water blieb bis in die frühen 90er Jahre hip. Der Song „Poison“ von 1991 war in den Playlisten des WDR gelistet und ein Verkaufserfolg. Aber auch hier blieb irgendwann der große Erfolg aus und es folgten Umbesetzungen und kreative Findungsphasen. Es gab einige weitere Platten, die zwar nicht schlecht waren, aber irgendwie verschwanden die Ms. Die neue Stile des widervereinigten Deutschland waren Techno, deutscher Hiphop, Hamburger Schule und Manchester Pop. Markus Maria Jansen veröffentlichte 1998 und 2001 auch zwei Platte mit dem Band-Projekt „Jansen“ mit deutschen Texten, die von den Kritiken positiv besprochen wurden.

Auf der Website von Fuego gab es seit den frühen 2000er Jahren eine Seite der Band, auf der im Wesentlichen gesagt wurde, dass die Band im Moment mit anderen Dingen beschäftigt sei. Und dann geschah so gegen 2007/2008 das Wunder: Es gab wieder erste Proben und Konzerte. Inzwischen ist die Band auch auf Facebook und man kann Tourdaten und neueste Veröffentlichungen folgen. Ab 2009 gab es die alten Platten im iTunes Store zum Runterladen. Im Jahr 2011 brachte die Band seit vielen Jahren eine Platte raus, „Flowers for the Departed“, die irgendwas zwischen nett und wild war, aber doch einige tolle Songs enthält. 2012 gab es eine Cover-Version des Depeche Mode-Songs „Enjoy The Silence“. (Darauf muss man auch erstmal kommen!)

2015 veröffentlichte die Band zu Weihnachten eine düstere und gleichzeitig stilistisch unheimlich elegante Cover-Version von „Fade to Grey“ (ein Song der electronic Band Visage von 1982), zu der es auch ein Video gibt:

Die Band zeigt inzwischen eine späte Lässigkeit und Meisterschaft im Folk, der ich gerne zuhöre. Im Oktober 2010 nahm die Band einige ihrer Songs auf dem eigenen Boot in Flensburg auf, die sogenannte „Kajüten-Sessions“, hier mit dem Song „Poison“. Wie schön, dass man den Ms‘ weiter zuhören kann!

Nachbemerkung: Markus Maria Jansen hat einen eigenen Blog, auf dem er über neueste Aktivitäten berichtet: http://www.line1.de/jansen/

Auch Mike Pelzer hat noch weitere Aktivitäten im Repertoire, wie z.B. die Gruppe „Basta Fou„:

Die aktuelle Band von Martell Beigang (Drums) heißt Schank und bezeichnet die eigene Musik als „Party Folk“, oder sollte man sie die fröhlichen Brüder im Geiste bezeichnen. Ihr Song „Wir trinken zu schnell“ erinnert so ein wenig an das fröhliche „Schland O Schland“ von Wuwu Lena zur WM 2010. Diese Parties kann man sich auf jeden Fall sehr lebhaft vorstellen.

The Sound of Independence (1): Die Shiny Gnomes aus Nürnberg

Huuh, Nürnberg, das war Ende der 80er die heimliche Hauptstadt des Indie-Rocks! Und an diesem Mythos waren die Shiny Gnomes nicht ganz unschuldig: Gegründet 1985, waren sie die ersten, überregional bekannten Indie-Rocker aus dem fränkischen Kultur-Oberzentrum. „Cowboys of Peace“ war der erste Song, die mir nicht aus dem Kopf ging und das Gute war: Man konnte das selbst auf der Gitarre nachspielen. Im Grunde ist das ein leicht sentimentaler Country-Song, kompositorisch klar strukturiert, der Text eine Hommage an die Freunde des gepflegten Cowboy-Films, die mehr an John Wayne als an Punkrock erinnert. Dazu passend das Country-mäßige Violinen-Solo, wie es sich eben gehört. Aber der Sound dieses und anderer Songs der frühen Jahre war kernig und absolut stilsicher und deshalb ist „Cowboys of Peace“ ein Klassiker.

Und hier kommen wir schon zu einer Besonderheit der Shiny Gnomes: Sänger und Leadgitarrist Limo hat beim Songwriting eine geradezu traumwandlerische Sicherheit, die Songs haben jederzeit das ganz besondere Etwas. Bis heute ist „Lazing in Desert Inn“ einer meiner absoluten Lieblingssongs, das ist einfach Weltklasse!

(Wobei die Bebilderung, naja, etwas weniger Clint Eastwood hätte auch gereicht…)

Die ersten zwei Alben „Wild Spells“ und „Somme Funny Nightmares“ waren deutlich geprägt von einer großen Liebe zum Garagensound der Sixties. Die Platten erzielten Platzierungen in den deutschen Indie-Charts. Als Einflüsse nennt die Band selbst the Velvet Underground (wie angekündigt…), Syd Barrett, Incredible String Band, David Bowie. Ich würde the Animals ergänzen. Das klang alles sehr vielversprechend und die Gnomes haben wohl auf andere Bands in der Region Franken abgefärbt. Das Konzert in Marburg 1988 habe ich leider verpasst, aber auch die mündlichen Überlieferungen trugen zum Kultstatus der Band bei. Am Lagerfeuer waren die Lieder gesetzt.

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Die Shiny Gnomes Ende der 1980er Jahre: Da war viel Psychedelic dabei.

1989 gingen die Gnomes zu Polydor und die Musik wurde erst psychedelischer (Psychedelic-Pop). Später wieder, jetzt bei Rough Trade, wurde es elektronisch, andere Projekte kamen (Fit & Limo: psychedelischer Folk, hörenswert!), es wurde mit deutschen Texten experimentiert (Weltraumservice), aber alles ohne den ganz großen Erfolg, so dass die Band die Aktivitäten Ende der 90er einstellt.

2000 gab es ein große Revival-Konzert, 2002 gab es die CD dazu und erste Lebenszeichen. Seit ca. 2008 ist die Band wieder aktiv, neue Alben erscheinen und seither gibt die Band regelmäßig Konzerte in der Region Franken. Warum eigentlich nicht woanders? Eine neue Schlagzeugerin ist dazu gekommen und man kann regelmäßig Beiträge auf Facebook lesen.

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Mit Album „Garage X“ 2015 haben die Gnomes zu ihren Wurzeln zurückgefunden

Was haben die Gnomen aktuell zu bieten: Die neue Platte „Garage X“ ist sehr pink, klingt wieder psychedelisch und schwer nach Sixties. Gerade „Pink Heaven“ ist ein so ein unglaublicher Ohrwurm. Ein Liebeslied in aller Konsequenz, hier klingt es nach Teenagern und Schmetterlingen im Bauch, was für eine Band in ihren besten Jahren, nun ja, doch leicht überraschend ist. Aber hier zeigt Limo sein ganzes Songwriting-Potenzial, auch der Sound ist richtig gut, insofern nehmen wir das gerne mit! Irgendwas ist in den Jahren passiert, es ist der zweite Frühling der Band. Wie gut Limo und Andreas auch unplugged sind, kann man auf folgendem Video von Radio Z Lokale Leidenschaften in Nürnberg vom Dezember 2015 sehen („Pink Heaven“ ist ab Minute 13:47, „Lazing at Desert Inn“ ab 17:21):

Die Gnomes sind wieder da und das ist gut so. Eine weitere CD ist wohl in Vorbereitung und erscheint noch dieses Jahr. Ich hoffe, ich schaffe es mal in den nächsten Jahren zu einem ihrer Konzerte, selbst wenn das schöne Frankenland weiter weg ist!

 

Der deutsche „Sound of Independence“: Das Klassentreffen 1986

Im folgenden Blogbeiträgen gehe ich der Frage nach, welche Bands für mich die deutschen Indie-Szene der späten 80er und frühen 90er Jahre geprägt haben und was aus diesen Bands heute geworden ist. Und das ist überraschend: Viele Bands sind weiterhin sehr aktiv und machen durch neue CDs und Konzerttourneen auf sich aufmerksam. Im Grunde ist es Zeit für ein Klassentreffen der Generation 1986!

In den späten 80er Jahren gab es in Marburg an der Lahn einen kleinen Club, das „Kultur und Freizeitzentrum (KFZ)“: Ein kleiner Schuppen mit bunten Graffiti. Dort wurden regelmäßig deutsche Rockbands zu Konzerten eingeladen. Das ganze lief unter dem Titel „The Sound of Independence“ – schon allein der Titel klang nach Freiheit und der großen weiten Welt. Der Titel sollte die Gemeinsamkeit der Bands herausstellen – sofern es eine Gemeinsamkeit gab – nämlich deren Unabhängigkeit von den großen (und deshalb selbstverständlich bösen!) Plattenlabeln. In den 80er Jahren wurde der Kapitalismus noch überwunden und entsprechend musste die Kultur stets kapitalismuskritisch sein. Punk war schon einige Jahre her. In Marburg liefen noch einige Punks der ersten Stunde rum, aber ich habe davon nichts mitbekommen. Die Neue Deutsche Welle war 1982 hochgeschwappt und der Trend wurde von den großen Plattenlabeln erkannt und übernommen. Meine ersten Hörerfahrungen waren Nena, Trio, Falco und die Spider Murphy Gang in der Kinderdisco am Gardasee. Peter Schilling gewann mit Major Tom die ZDF-Hitparade, auch da war ich auf dem Sofa dabei!

Aber die NDW war auch bald vorbei und Mitte der 80er Jahre durchliefen die frühen Helden der Deutschrock-Szene wie Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg ihre erste Schaffenskrise. Im Radio spielten sie damals Klaus Lage (Faust auf Faust!), den ewigen Herbert Grönemeyer und im HR3 liefen gerne auch die Rodgau Monotones. Ansonsten Pet Shop Boys, Depeche Mode und sonst viel Pop-Langeweile aus den USA und England. Die Krönung des Subversiven war, dass sich der Moderator der „HR3 Internationalen Hitparade“ (jeden Donnerstag von 18 bis 20 Uhr) über Peter Maffay lustig machte. Dort wurde dann auch, ganz solide, Sting, die Talking Heads und U2 gelobt und die erreichten in der Hörergunst wahre Höhenflüge. Aber soundmäßig gab es auch viel flaches Land in den 80ern. Das wurde irgendwann anders.

Die Bands, die im KFZ auftraten, waren meist recht Gitarren-lastig, teilweise dilettantisch und überwiegend sehr laut. Geboten wurde irgendwas zwischen Post-Punk, New Wave, Blues-Rock, dem Beat der 60er Jahre und Folkrock. Und irgendwie musste es immer etwas mit Velvet Underground zu tun haben – in meinen Augen die am meisten überschätzten Band der Musikgeschichte, aber gut, das kann man auch anders sehen. Der Konzertsaal war schwarz, verraucht, die Konzerte waren düster, schrammelig, laut, aber irgendwie auch genial. Vieles, was ich dort gesehen habe, wurde ein paar Jahre später Mainstream. Einige der Bands gingen zu den großen Plattenlabels und feierten Erfolge.

Programm des KfZ Marburg im Dezember 1988: Auf Umweltpapier und grafisch ansprechend
Programm des KfZ Marburg im Dezember 1988: Auf Umweltpapier und grafisch ansprechend

1989 kamen Acid House-Parties auf, die Electronic Music, die Wiedervereinigung und der Manchester-Pop. Und dann tauchten neue (alte) Bands auf, die plötzlich auf Deutsch sangen: Element of Crime brachte 1991 die Platte „Damals hinterm Mond“ raus, was textlich und musikalisch sehr vieles änderte. Die ehemaligen Underdogs sagen laut „Ich liebe Dich!“, das war ungewöhnlich. Deutsche Texte waren plötzlich „in“, die Fantastischen Vier texteten Hiphop auch auf Deutsch. Dann kam irgendwann die Hamburger Schule, davon habe ich in Marburg noch „We Smile!“ gesehen, später gab es Tocotronic und die Sterne mit „Was hat Dich bloß so ruiniert“. Und Mitte der 90er Jahre war die Love-Parade in Berlin der Standard, bedröhnte Techno-Kids bestimmten das Bild, selbst in der Bildzeitung.

Und Musik hatte nichts mehr mit Kapitalismus-Kritik zu tun, was sich irgendwie auch gut anfühlte. Manches politische Gerede in den 1980er Jahren war schon gnadenlos überspannt. Sven Regner philosophiert vermutlich aus diesem Grund bis heute in Interviews gerne über das Verhältnis von Kunst und Politik, die er gerne getrennt sehen möchte. Und das ist nicht untypisch für die Geburtenjahrgänge nach 1970, die Florian Ilies als „Generation Golf“ als völlig unpolitisch abstempelt. Aber so völlig unpolitisch sind viele Leute dieser Generation nicht, nur eben unideologisch. Und der Sound der späten 1980er ist eine Kunstform, nicht mehr. Die überspannte politische Erwartung daran teilen vermutlich selbst manche der Künstler nicht.

Mich haben Mitte der 1990er Jahre musikalisch ganz andere Dinge interessiert, Klassik, Folk und Weltmusik. Eine Weile habe ich gar keine Musik aus der Konserve gehört. Und als ich auf den Indie-Rock Ende der 90er zurück kam, war die gute alte bunte Indie-Szene irgendwie verschwunden. Der Stil hieß jetzt „Alternative“. In Frankreich gab es „Noir Desir“, die kannte ich noch. Doch dann stürzte Bertrand Cantat 2003 ab. In Deutschland drehte Sven Regner mit Element of Crime immer neue Kreise um sich selbst und wurde dann mit „Herr Lehmann“ zum Romancier. Es gab neue Indies wie „Wir sind Helden“ und Judith Holofernes bleibt bis heute meine Heldin. Auch Gisbert zu Knyphausen, Peter Licht, Thees Uhlmann und viele andere schließen an den Indie-Rock der 80er Jahre an, aber das ist ein anderes Thema.

Was ist also aus den Bands des „Sound of Independence“ geworden. Ich werde in nächster Zeit eine Folge von kurzen Texten über die Bands schreiben, die mich als Jugendlicher beeinflusst habe, und die gute Nachricht ist: Manche von Ihnen sind inzwischen wieder da. Und wie!

Die AOV Göttingen begeistert bei ihrem Sommerkonzert

Ein Fixpunkt im kulturellen Leben in Göttingen ist das Semesterkonzert der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen (AOV), so auch die zwei Konzerte am 24./25. Juni 2017 in der Aula am Wilhelmsplatz. Die Besprechungen im Göttinger Tageblatt berichten regelmäßig von dem hohen Niveau und der Spielfreude dieses Laien-Orchesters. Und doch gibt es etwas, was ich bei diesem sehr emotionalen Konzert für besonders halte: Der junge Dirigent der AOV, Niklas Hoffmann, der sein Dirigat in Göttingen als Student der Kunsthochschule Weimar begann, verlässt die AOV nach zwei Jahren und beendet eine kurze, aber sehr intensive Zusammenarbeit, die die AOV weiterentwickelt, und auf ein höheres Niveau gebracht hat.

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Schlussapplaus für Niklas Hoffmann und die Akademische Orchestervereinigung Göttingen

Der Auftakt: Gespielt wurde Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zur Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Das recht kurze Stück wurde mit Schwung und Präzision vorgetragen und ist überaus geeignet als heitere Einleitung für einen solchen Konzertabend. Niklas Hoffmann und die AOV arbeiten das Leichte und Tänzerische in Mozarts Ouvertüre heraus, ohne dabei die klangliche Tiefe zu vernachlässigen. Dieses Sommerkonzert beginnt mit einem Lächeln.

Das Solokonzert: Was jetzt kommt, hat mich gleich zweimal beeindruckt: Das Klavierkonzert Nr. 5 gilt wohl als eines der populärsten Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven, weshalb es nicht überrascht, dass die AOV hier mit ihrer 10-Jahres-Regel gebrochen hat, denn das Klavierkonzert stand bereits im Juli 2010 auf dem Programm, damals mit Julia Bartha als Solistin. Dass die AOV ein Händchen in der Verpflichtung von hochkarätigen Solisten hat, zeigt die Wahl von Franziska Glemser, die ihre Ausbildung in Würzburg erhielt und gerade ein Konzertstudium an der Musikhochschule Weimar absolviert. Die Solopassagen sind sehr präzise, die Läufe brillant und strahlend, und selbst an den Tuttistellen ist die Solistin gut zu hören. Das heißt, dass Glemser technisch einiges zeigt. Doch zu den technischen Fähigkeiten kam im Konzert das beinahe kammermusikalische Zusammenspiel von Glemser und der AOV, die die Solopartien von Glemser einfühlsam begleitete und untermalte. Beethovens Konzert wird im Programmheft nicht ohne Grund als ein Stück beschrieben, in dem einige Anspielungen an das Militärische enthalten sind – vielleicht ein Klischee, denn welche Militärkapelle spielt Beethoven? Die so umschriebenen, kraftvollen Tuttistellen wechseln sich ab mit lyrischen Passagen und hier zeigt Glemser, dass sie ein tiefes Verständnis für das Stück entwickelt hat. Ich habe mir zum Vergleich eine Aufnahme mit einem der Großmeister, nämlich mit Alfred Brendel angehört und Glemser steht dem Meister in nichts nach: Sie gestaltet diese Zwischenpassagen leise und subtil, hier ist jede Note bewusst gesetzt. Sie gibt dem Stück damit eher den Charakter eines früh-romantischen Stücks und nimmt dem Stück auch das Brachiale.

Die Sinfonie: Zum Schluss spielte die AOV die Sinfonie Nr. 2 von Jean Sibelius, ein Stück, dass es rhythmisch in sich hat, zumal für ein Laien-Orchester. Hier gab es zumindest im Samstags-Konzert kleine Wackler, die allerdings unter dem Radar der meisten Zuhörer liefen. Häufig gelingt die Sinfonie im Sonntagskonzert besser, was besonders dieses Semester der Fall war: Am Sonntag fand die AOV den Rhythmus deutlich besser und entwickelte jetzt die bekannten Stärken im Ausdruck. Die Sinfonie Nr.2 von Sibelius zeichnet sich durch gesangliche Passagen und folkloristische Anspielung einerseits und viele Rhythmuswechsel und Unruhe andererseits aus. Dies führt etwa dazu, dass häufig in den Bläsern ein ganz großer Melodiebogen angestimmt wird (– ein gerne gebrachtes Klischee ist hierbei die landschaftliche Weite Finnlands, die ich bei dieser Sinfonie allerdings noch nie besonders rausgehört habe, denn dafür ist diese Sinfonie viel zu unruhig.) Doch unter diesen großen Melodiebögen ist entwickeln die Unterstimmen ein Eigenleben, was es den Solisten nicht immer leicht macht. Sibelius hat diese Unruhe meisterhaft durch gegenläufige Rhythmen in den Unterstimmen eingebaut: So spielen gerade Celli und Kontrabässe unter die Melodien einen Rhythmus, häufig anspruchsvolles vier gegen drei, sowie permanente Takt- und Tempowechsel. Diese gegenläufigen Rhythmen stören die Idylle der Melodiebögen und schaffen so eine unglaubliche Spannung und Unruhe, die sich dann anschließend in schnelle Attacken und halsbrecherische Läufe entlädt, die gerade hohen Streicher mit einer großen Präzision und Schärfe vortragen konnten. Vor allem im Sonntagskonzert schaffte die AOV es, die Tuttistellen kraftvoll und elegisch vorzutragen und war in den Rhythmen präzise. Gerade bei solchen ausdrucksstarken Stücken hat die AOV seit vielen Jahren ihre ganz große Stärke.

Der Dirigent schließlich: Am Ende wurde es sehr emotional, als Niklas Hoffman sich in bewegten Worten beim Orchester und beim treuen Publikum der AOV bedankte und seinen Weggang zum London Symphony Orchestra ankündigte, wo er im November 2016 den Donatella Flick Dirigierwettbewerb gewonnen hat und wo er in der nächsten Zeit als „Assistant Conductor“ arbeiten, und sich weiterentwickeln wird. In seiner Zeit bei der AOV hat er das Orchester weiterentwickelt. Sein präziser, aber sehr tänzersicher Dirigierstil und seine positive Ausstrahlung hat die AOV motiviert und zu Höchstleistungen angetrieben. Und es ist wie schon beim Weggang von Lorenz Nordmeyer vor 2 Jahren, der die AOV selbst viele Jahre dirigiert und ebenfalls Großes in Göttingen geleistet hat, dass hohe Erwartungen auf seinem Nachfolger liegen: Der Italiener Piero Lombardi, ein in Zürich ausgebildeter Geiger und fortgeschrittener Student an der Musikhochschule Weimar, kann ab Wintersemester 2017/18 mit einem tollen Orchester weiterarbeiten und wird in Göttingen hoffentlich ähnliche Akzente setzen können. Und es ist auch an den jungen Mitgliedern der AOV, die 111jährige Tradition der AOV fortzusetzen. Das Präsidium und die Verwaltung der Georg-August-Universität Göttingen sollten die Laien-Musiker der AOV, die diese Konzerte regelmäßig mit ehrenamtlichem Engagement organisieren, bestmöglich unterstützen.